Chakraweg zum Heidenstein

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

 2 km60 HM1 h
    

Der Heidenstein liegt direkt hinter einigen Häusern auf einer Hügelkuppe im Weiler Eibenstein. Eibenstein selbst ist zirka 10 km nordwestlich von Freistadt. Fährt man in diesen kleinen Ort, muss man über den Güterweg Eibenstein fahren.

Es gibt einen tollen Parkplatz für Wanderer; daneben hat man eine kleine Kapelle errichtet – doch die meisten Besucher des Ortes interessieren sich weniger für das Kirchenhaus, sondern viel mehr für den alten Kultfelsen.

Ist man so neugierig auf diese sagenumwobene Steinformation wie ich, dann übersieht man leider leicht, dass man für den Chakrawanderweg nach rechts hinunter abbiegen müsste. Wir folgten einfach den Wegweisern zum Heidenstein und standen kurz darauf äußerst beeindruckt vor diesem monumentalen Weinsberger Granit.

Am Fuße des Kultfelsens gibt es ein Holzgeländer und einen schmalen Pfad, der die Felsen hinaufführt. Riesige, grob bearbeitete, hohe, aber schmale Stufen sind in den Stein eingemeißelt worden. Neben diesem massiven Steinblock befindet sich ein Spalt – irgendwie glaubt man beim Anblick dieses Spaltes, eine Rinne zu sehen. Dann folgt der nächste hohe Felsen.

Ich kletterte die steilen, uralten Stufen hinauf und war hingerissen. Der durch den Spalt abgetrennte Fels hat drei mit Wasser gefüllte Schalen … ach was, Schalen! Die eine hat die Größe einer Babybadewanne. Diese Schalen sollten angeblich immer mit Wasser gefüllt sein – auch nach Hitze- und langen Trockenperioden. Wäre der Stein kein „Heidenstein“, dann hätte es dafür sicherlich wieder eine Sage gegeben, die bestimmt davon handelte, dass darin das Jesuskind gebadet worden wäre. Laut alten Geschichten muss die Gottesmutter Maria ihren Sohn sehr, sehr oft in Österreich in Steinschalen gebadet haben.

Doch es ist ja ein Heidenstein – und der Volksmund hat auch für den Heidenstein eine Erklärung. Sollten die Schalen einmal trocken sein, dann wäre es um unsere Welt nicht mehr allzu gut bestellt. Sie wäre zum Untergang verurteilt. Die Oberösterreicher haben es irgendwie mit dem Weltuntergang. Nicht allzu weit vom Eibenstein entfernt liegen die Weltuntergangssteine, bei denen es einen Durchkriechkult gibt. Würden diese zwei Felsbrocken zusammenstoßen, dann wäre auch das Weltende gekommen. Glücklicherweise hat unsere Erde schon so manche prognostizierten Untergänge überlebt: verschiedene Konstellationen von Planeten, Sonnenflecken, der Maya-Kalender etc. – die Ideen, einen Untergang anzukündigen, sind mannigfaltig.

Im 19. Jahrhundert kamen zum Beispiel verschiedenste Leute auf den Kulm in der Oststeiermark, um den Weltuntergang zu erwarten, der von dem Mystiker Jakob Lorber prognostiziert worden war. Ob die Leute enttäuscht wieder nach Hause zogen, als das angekündigte Ereignis nicht stattfand?

Zurück zur Wanderung: Ich war nicht nur wegen der gefüllten Steinschalen hellauf begeistert (unter dem Felsen soll es eine Quelle geben, und durch die Kapillarwirkung soll das Wasser hochgezogen werden), sondern auch ganz angetan von der hervorragenden Aussicht, die man von hier oben genießt. Eine weite, bucklige Landschaft tat sich vor mir auf. Herrlich.

Ich persönlich glaube ja, dass diese eingemeißelten Stufen gemacht wurden, damit man auf dem Stein wie auf einer Tribüne sitzen konnte, um vielleicht den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang eines bestimmten Tages zu beobachten. Anbieten würden sich die Tage der Tag- und Nachtgleiche. Der Heidenstein liegt so günstig zwischen dem Viehstein im Osten und dem Steinberg im Westen, dass an diesen Tagen vom Heidenstein aus gesehen die Sonne dort auf- bzw. untergeht. Daher diente er möglicherweise auch als Kalenderstein.

Dass es sich beim Heidenstein um einen wirklich wichtigen Stein handelte, kann man aus einem Schriftstück aus dem Jahr 1538 entnehmen, das im Archiv des Schlosses Waldenfels gefunden wurde. Darin wird berichtet, dass auf dem Heidenstein nach längerer Pause wieder ein Treffen nach altem Recht stattgefunden habe. Das „Ehafttaiding von Eibenstein“ wurde unter dem Vorsitz des Dorfrichters abgehalten, und alle wären verpflichtet gewesen, an diesem Taiding zu erscheinen – ausgenommen natürlich Kranke und jene, die für den Grundherrn Frondienste zu leisten hatten.

Ich kletterte wieder die Stufen hinunter und umrundete nun beinahe den Felsen, auf dem sich die Wasserschalen befanden. Hier konnte ich auch Stufen ausmachen – schmal und klein, kaum zu begehen –, und sie führten weder ganz hinauf noch sicher hinunter.

Umrundet man den Heidenstein, so sieht er von jeder Perspektive völlig verändert aus. Die Natur hat da etwas ganz Besonderes geschaffen. Und indem man um ihn herumgeht, bemerkt man erst richtig, wie riesig diese Felsformation eigentlich ist. Eine Holzburg soll einst auf ihm gestanden haben. Man hat sogar errechnet, dass diese einen Innenraum von etwa 140 m² gehabt haben könnte. Holzburgen auf Granitfelsen gab es im Norden Österreichs tatsächlich etliche, um die Grenze gegen Böhmen zu verteidigen. Doch ob die 13 Riesenstufen einst zu einer Burg führten?

Jedenfalls wurde der Ort „Ybenstein“ erstmals im Jahr 1262 in einem Testament von Wok von Rosenberg erwähnt. Darin bestimmte er, dass „der Hof und die Felder gegen Sommerau sowie die inneren Felder gegen Eibenstein bis zu den Grenzen Böhmens an seine Gemahlin Hedwig gehen sollten“. Ein stattlicher Besitz, der 1318 zum Stift Hohenfurth kam. Doch die Christen hatten es hier im hohen Norden Österreichs offensichtlich nicht ganz einfach, Fuß zu fassen.

Laut Sage kam es dann in Eibenstein zu einer gewaltigen Auseinandersetzung zwischen einigen Christen und Heiden. Natürlich siegten die Christen und versuchten sofort, der katholischen Kirche den heiligen Stein einzuverleiben. Man wollte auf ihm eine hölzerne Kirche bauen. Daraus wurde allerdings nichts, denn das Baumaterial wurde entweder immer wieder verschleppt oder zersägt, und die Bauarbeiter fand man an Bäume gefesselt. Die Wilde Jagd habe sie heimgesucht, behaupteten die armen, traumatisierten Arbeiter. Man gab den Kirchenbau auf, und der Stein wurde als heidnisch und unheimlich verschrien.

Ob da nicht die Anhänger des alten Glaubens, die in Verkleidung durchaus eine „Wilde Jagd“ veranstalten konnten, den Arbeitern so übel mitgespielt hatten?

Einige Holzlatten lagen auch bei unserem Besuch am Heidenstein. Ich glaube jedoch nicht, dass heutzutage noch jemand auf die Idee käme, auf diesen Felsen ein Kirchlein zu bauen. Am Fuße der Steinformation befindet sich allerdings eine Krippe. In der Adventszeit gibt es hier einen Weihnachtsmarkt.

Nachdem wir eine lange Weile an diesem magischen Platz verbracht hatten, wollten wir nun auch den Chakrawanderweg gehen – in umgekehrter Richtung wohlgemerkt. Die Station „Scheitel-Chakra“ befindet sich noch neben dem Heidenstein: ein hölzerner Thron und eine Klanginstallation.

Den Berg hinunter kamen wir dann zur Station „Stirn-Chakra“ – ebenfalls wunderbare Felsen, die überall sonst Aufsehen erregt hätten. Sie hatten nur das Pech, dass wir sie erst nach dem Heidenstein entdeckten.

Beim „Kehlkopf-Chakra“ gibt es eine wunderschöne Eule aus Holz, deren Augen besonders gut gelungen sind. Es folgte ein Aussichtsbankerl, von dem aus man bereits unser Nachbarland erblicken konnte, sowie einen Weiler mit dem Namen Stiftung. (1318 kam das Gebiet an das Stift Hohenfurth; ich nehme an, dass es gestiftet wurde.)

„Herz-Chakra“, „Nabel-Chakra“ und „Milz-Chakra“ folgten. Die Station „Wurzel-Chakra“ gefiel mir gut – besonders die Interpretation einer Sitzbank. Schließlich kamen wir wieder zum Ort zurück und folgten der Straße einige Meter bergauf zum Parkplatz.

Hier, ganz im Norden Österreichs, wurde ein richtig toller Wanderweg angelegt, der zu Recht das Wandergütesiegel trägt. Lang ist der Weg nicht – man sollte sich jedoch bei den Stationen genügend Zeit lassen, die Texte lesen, sich auf die Bänke setzen und in sich gehen. Ich bin auf diesem Wanderweg richtig gut zur Ruhe gekommen.

Und die Krönung der Wanderung ist der Heidenstein, den schon unsere klugen Ururahnen als einen sehr starken Kraftplatz erkannt haben.

 

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