











Burg Güssing
Heute möchte ich eigentlich eher ein Ausflugsziel als eine Wanderung vorstellen: die Burg Güssing im Süden des Burgenlandes. Eigentlich ist das Burgenland eher flach bis wellig. Doch in Güssing ragt ein sehr markanter Basaltkegel aus der Ebene heraus. Basalt ist ein Vulkangestein, und diesen Burghügel – der einst inmitten eines sumpfigen Gebiets aufragte – zog natürlich unsere Vorfahren magisch an.
Schon in der Hallstattzeit war der Hügel besiedelt, die Römer schätzten ihn ebenfalls. 1150 errichtete man auf ihm eine erste Burg. Nicht so großartig, wie man sie heute kennt, darf man sich diese vorstellen – eigentlich war sie aus Holz. Kurzfristig fanden dann die Benediktiner, dass dieser Vulkankegel ein optimaler Ort für ein Kloster wäre … doch dieser verteidigungstechnisch so günstige Ort erweckte auch die Begierde des ungarischen Königs.
König Béla III. baute nun eine Burg aus Stein – 1198 wurde die Festung als „Novum Castrum“ erwähnt. Die Benediktiner hatten das Nachsehen, 1180 wurde ihr Kloster aufgehoben.
Die Güssinger Grafen waren sehr selbstbewusst, betätigten sich angeblich als Raubritter und legten sich mit dem Habsburger Herzog Albrecht I. an. Als „Güssinger Fehde“ gingen diese Feindseligkeiten in die Geschichtsbücher ein. Die Grafen hätten das besser nicht tun sollen – Herzog Albrecht ging als Gewinner aus diesem Zwist hervor.
Danach gab es etliche Besitzerwechsel, bis König Ludwig II. die Burg 1524 an die Familie Batthyány gab, die sie heute noch besitzt. Franz Batthyány war ein Freund und Obermundschenk des Königs. Der Obermundschenk ist jemand, der dafür zuständig ist, dass der Fürst oder König guten Wein und keine vergifteten Getränke bekommt. Also muss König Ludwig II. Franz Batthyány wirklich sehr vertraut haben.
Franz Batthyány hatte keine Kinder, die ihn beerben konnten, also bekam sein Neffe den Besitz. Balthasar III. (1543–1590) war wohl einer der bedeutendsten Vertreter der Familie Batthyány. Er war überzeugter Calvinist und holte besondere Leute an seinen Hof. So kam der Forscher Carolus Clusius durch ihn nach Güssing (siehe Clusius-Wanderweg), aber auch der Drucker Johann Manlius.
Apropos Buchdruck: Balthasar (der Calvinist) hatte eine bedeutende Büchersammlung, die später den Grundstock für die Bibliothek des katholischen Güssinger Franziskanerklosters bildete.
Die Batthyánys blieben nicht immer Calvinisten. Adam I. war bekennender Katholik – und die Gegenreformation zu fördern, tat damals (so nehme ich an) der Karriere sehr gut.
Die Religion wechselte bei den Batthyánys, aber so, wie ich es sehe, waren alle militärisch sehr engagiert. Einige von ihnen kämpften gegen die Türken – was natürlich gefährlich war. Hatte man jedoch das Glück, einen bedeutenden muslimischen Kämpfer als Kriegsgefangenen zu nehmen, konnte man ein hohes Lösegeld fordern … oder noch besser: seltene Pflanzen aus dem Garten des Sultans.
Unter den Batthyánys wurde Güssing zu einer Festung ausgebaut, die niemals eingenommen werden konnte – jedenfalls nicht von den Feinden. Allerdings schaffte es die Dachsteuer, das imposante Gebäude fast zu zerstören.
Dass das Gebäude heute noch besucht werden kann und so viele Teile der Burg erhalten sind, verdanken wir wohl Philipp Batthyány-Strattmann. Er gründete eine Stiftung, damit Burg, Kloster und Familiengruft (die größte Gruft in Österreich – abgesehen von der Kaisergruft in der Kapuzinergruft) erhalten bleiben.
Doch bevor es die Dachsteuer gab, musste es auf dem Burggelände recht emsig zugegangen sein. 1648 gab es auf der Festung 6 Schreiber, 63 Herrschaftsdiener, 20 Reitknechte, 16 Pferdeknechte, 11 Kutscher, 8 Köche, 24 Speisenträger und 25 Diener der Speiseträger. Auf der Burg mussten täglich etwa 364 Personen verköstigt werden. Die Batthyánys mussten also einen sehr guten wirtschaftlichen Hintergrund gehabt haben, um sich diesen Aufwand leisten zu können. Auch der Ausbau der Festung muss immens viel gekostet haben.
Damit wir uns ein Bild vom Gebäude machen konnten, beschlossen wir am Muttertag 2026, die Burg zu besuchen. Der Güssinger Hauptplatz ist immer sehr belebt – es gibt Cafés, die leckeres Eis anbieten. Über eine Treppe, an Ferienwohnungen vorbei, durch einen engen Schlurf und dann eine schattige Stiege hinauf … und schon hatten wir das erste Tor erreicht.
Der Burgaufstieg war sehr steil, mehrere Tore folgten. Ich betrachtete die Gemäuer und überlegte mir, wie unendlich viele Ziegel hier wohl verbaut worden sein müssen. Auf den Mauern wuchsen Bäumchen und Büsche; je höher wir kamen, desto steiler wurde der Weg.
Das Areal auf dem Plateau ist wahrlich groß. Links gibt es nun endlich wieder ein tolles Restaurant (der Pelikan) mit einer noch tolleren Aussichtsterrasse. Naiv wie wir waren, zog es uns automatisch dorthin – in der Hoffnung, einen Tisch für vier Personen zu ergattern (naiv deshalb, weil wir annahmen, dass wir an einem Muttertag ohne Reservierung eine Chance hätten).
Es kam, wie es kommen musste: Mit knurrenden Mägen zogen wir wieder ab. Unsere Laune war trotz dieser Niederlage recht gut – wir wollten schließlich die alte Burg erkunden. Also gingen wir die extrem steile und hohe Treppe hinauf zur Hochburg.
Der Innenhof dieses alten Gebäudes war eng und – wie es sich für eine Burg gehört – alles andere als symmetrisch. Wir waren durch das Tor in der Schildmauer in den Hof gelangt; an der Innenseite der Mauer gibt es herrliche Arkaden. Kurz zuvor muss es in Güssing einen heftigen Sturm gegeben haben, denn Teile des Daches über dem Arkadengang waren beschädigt.
Wir betraten das Burgmuseum und konnten es kaum erwarten, den Bergfried zu besteigen. Von außen wirkt der alte Turm etwas windschief. Er erscheint dunkel und massiv – irgendwie erinnert er mich an den Film „Die Hexe und der Zauberer“. Ob wir in diesem Turm vielleicht Merlin begegnen könnten? Eine Holztreppe führt hinauf, über 140 Stufen mussten wir steigen.
Was mir an der Burg Güssing so gut gefällt, ist ihre Urtümlichkeit. Es gibt nichts, was „tot restauriert“ worden wäre. Die alten Räume im Turm wurden nicht neu ausgemalt. Altrosa ist eine Etage, leider haben Besucher sich in den Wänden mit ihren Initialen verewigt. Eine grüne Bordüre verläuft knapp unter der Decke – das Holz der Decke war wohl einst weiß gestrichen.
Der Dachstuhl des Turms ist beeindruckend und leider auch etwas wurmstichig. Irgendwie fühlte ich mich dort sehr wohl – es roch nach Dachboden, nach einem Raum, in dem sich der Staub für Jahrhunderte ausruhen kann. Ein Bereich, der sein Aussehen über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte bewahren konnte – eine Art Zeitkapsel. Würde man in diesem Raum aus einem Koma erwachen, wüsste man wohl kaum, in welchem Jahrzehnt man sich befindet. Die Zimmerleute, die diesen Turm geschaffen haben, waren absolute Fachleute.
Über eine Luke gelangten wir auf die Aussichtsplattform und wurden dort wieder in die Gegenwart katapultiert.
Die Batthyánys sammelten auch Kunstwerke. Es gab zum einen Bilder, die einige männliche Familienmitglieder zeigten, wobei mir auffiel, dass sie mit sehr kurzen und kräftigen Beinen dargestellt wurden. Es gibt aber auch sehr interessante Porträts von eher unbekannten und unbedeutenden Personen – kunstvoll dargestellt, wenn auch alles andere als vorteilhaft. Ich nehme an, dass diese Werke von Pieter Brueghel dem Jüngeren stammen. Fantastisch.
Das Schachbrett mit seinen aufwendig gearbeiteten, skurrilen Figuren ist eines der Highlights der Ausstellung. Der lederne Wassersack ist zwar unscheinbar, war aber für das Leben auf der Burg sehr wichtig. Er ist groß – und es muss schwer gewesen sein, ihn aus dem 120 Meter tiefen Brunnen zu holen. Natürlich waren auch Waffen ausgestellt – fragt mich bitte nicht, welche. 2026 gab es auch eine neuere Ausstellung – kunstvoll gestaltete Fotos der Burg. Ein Träumchen.
Über eine Wendeltreppe im Freien ging es in das nächste Stockwerk. Der erste Raum, den wir betraten, enthielt ausgestopfte Tiere. Verständlich, dass ich mich dort nicht lange aufhielt. Das Tafelgeschirr weckte ebenfalls nicht besonders mein Interesse – jedoch die Ausstellung „Städte, Märkte und Schlösser der Steiermark“ von Joseph Franz Xaver Kaiser schon eher.
Auch Musikinstrumente konnten wir betrachten – sie standen eng beieinander. Schade, dass diese Instrumente nicht besser gewürdigt wurden. Linda entdeckte in der Vitrine ein altes Buch von Arthur Conan Doyle und war begeistert. Über den Saal verließen wir das Burgmuseum und stiegen wieder in den Hof hinab – und noch weiter in die unterirdischen Räume.
Ein Grabdenkmal war zu sehen sowie eine große Anzahl an Waffel- und Hostieneisen. Dann kam auch schon die Küche, und wir hatten wirklich großen Hunger. Wir waren mindestens eineinhalb Stunden in der Burg gewesen; es ging auf halb zwei zu … vielleicht sollten wir es noch einmal beim „Pelikan“ versuchen?
Juhuu – ein Tisch auf der Terrasse. Ein einzigartiges Plätzchen … mit Blick auf die Hochburg (und ja, der Bergfried sieht tatsächlich ein bisschen schief aus – entweder er ist es, oder die neuen Verankerungen des Windschutzglases auf der Terrasse). Man kann auch den Blick über die Gegend schweifen lassen und dabei den Schöckl entdecken. („Das kann doch nicht der Schöckl sein, den man da sieht. Wir sind ja im Burgenland. Und wie ich nur auf die Idee komme, die Gegend mit der Toskana zu vergleichen …“). Meine Angehörigen sind wahrlich sehr kritisch und sie hinterfragen generell alles.
Das Essen im „Pelikan“ ist gut und auch erschwinglich.
Nachdem wir auch noch von oben einen Blick auf die Teichlandschaft geworfen hatten, beschlossen wir, diesen Bereich von Güssing ebenfalls zu besuchen – also marschierten wir den Burgberg hinab und vor zu den Teichen.
Wir gingen den Pfad zwischen den Wasserflächen entlang (Vorsicht: die Schwäne benutzen diesen Streifen nicht nur als Ruhezone, sondern auch als Toilette). Reiher, Blesshuhn, Schwäne, Störche, Rohrsänger, Rohrschwirl, Zwergdommel, Haubentaucher … eine wirklich repräsentative Schar.
Der Vulkankegel mit seiner imposanten Burg (die absolut uneinnehmbar war) und die künstlich angelegten, riesigen Teichflächen mit all ihren Bewohnern – Güssing ist es wert, besucht zu werden.









































