Waldhausen Ausblickrunde

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

 

13,5 km

450 HM

4,5 h

    

Waldhausen ist ein hübscher Ort im Strudengau, im Hinterland der Donau. Wir waren in unserer Jugend einmal in Waldhausen auf Urlaub. Dazumal waren wir in der steinreichen Gegend unterwegs und besichtigten die besonderen prähistorischen Kultstätten.

Im September 2025 fuhren wir wieder in den Strudengau. Diesmal waren wir in Grein untergebracht. Doch Waldhausen hatten wir in so guter Erinnerung, dass wir uns entschlossen, dort eine Wanderung zu machen.

Wir kamen also mit dem Auto in den Ort, und ich wunderte mich. „Ich habe das ganz anders in Erinnerung“, bemerkte ich, als wir durch den Hauptplatz fuhren und einen Parkplatz suchten. Wir stiegen zur Pfarrkirche zum hl. Johannes hinauf. Diese Kirche ist das älteste Gebäude von Waldhausen. Die ehrwürdigen Mauern haben sehr viel erlebt. Das mit Eisen beschlagene Westtor erzählt noch davon. Die Hussiten hatten dieses Tor noch mit Hellebardenhieben attackiert, später, bei den Franzosen, waren es dann bereits Kugeln, die das Tor durchbohrten.

Unter dem Friedhof vorbei kamen wir in eine prächtige Lindenallee mit uralten Bäumen. Um einen Hügel führte der Weg, dann kam ein Teich mit einem Spielplatz, wo sich Kindergartenkinder lustig tummelten. „Den Badesee habe ich auch noch anders in Erinnerung“, grübelte ich, während ich meine Kamera zückte, um das Stift, das vor uns auf einem Hügel lag, abzulichten.

Eine dicke Wehrmauer gab es um das Stift. Wir stiegen die von Pflanzen gesäumte Treppe hinauf und standen dann vor dem Stiftsportal. Durch das Tor kamen wir auf das große Hügelplateau – viel Platz gab es hier. Vor uns stand die wunderhübsche barocke Kirche. Schmal wirkte sie – irgendwie passte es nicht, dass sie so alleine hier stand.

Und das tat sie früher auch nicht. Das Stift Waldhausen hatte recht stattliche Ausmaße. Im 12. Jahrhundert wurde es durch Otto von Machfeld gegründet (seine Statuette steht in der zweiten Seitenkapelle der Stiftskirche). 1428 wurde dann das Stift von den Hussiten zerstört. Die Mönche, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden getötet.

Richtig aufwärts ging es dann mit dem Stift in der Barockzeit. Dort wurde ein großartiger Neubau geschaffen. Auf einem Stich aus dem Jahre 1688 sieht man, dass die Kirche als Teil in ein großes Klosterareal eingebaut war. Viele repräsentative Höfe gab es da, eine prächtige Brunnenanlage und herrliche Gärten.

1792 wurde das Stift unter Kaiser Josef II. aufgehoben. Die meisten Gebäude wurden abgetragen, das Material nach Laxenburg gebracht, wo es zur Ausstattung der Franzensburg diente. Der kostbare Brunnen kam nach Melk. Übrig geblieben sind nur der ehemalige Wirtschaftstrakt sowie die Kirche, die jetzt so alleine auf dem großen Plateau steht.

Ein neuer Brunnen wurde 1997 errichtet, und er sollte von der Zerstörung des Stiftes erzählen. Es ist ein originelles Kunstwerk. Vor der Kirche steht ein weiteres tolles Kunstobjekt: die Europäische Friedensrose.

Das größte Kunstwerk allerdings ist die Stiftskirche (Mariä Himmelfahrt). Betritt man sie, hält man kurz den Atem an, derartig viele Eindrücke müssen auf einmal verarbeitet werden.

„Weiß-schwarz-gold“ lautet das Farbenmotto. Weiß die Wände und der üppige Stuck. In Schwarz und Gold ist der 20 Meter hohe Hochaltar gehalten. Davor das massive Chorgestühl – ebenso in Schwarz und Gold. Noch heute kann man sich recht gut die Mönche vorstellen, die auf den prächtigen Sitzbänken aus Nussholz der Messe folgten. Die Beichtstühle, die Kanzel, die Seitenaltäre – schwarz und gold. Ebenso die Orgel, welche eine bemerkenswerte Geschichte hat. Nicht nur Brunnen und Baumaterial verschleppte man nach der Klosteraufhebung, auch die Orgelpfeifen wurden verscherbelt. Da man jedoch bei Messen auch Orgelmusik haben wollte, wurde 1803 behelfsmäßig ein Spielwerk eingebaut, welches so gar nicht in das großartige Orgelgehäuse passte. Erst seit 1956 ist das Instrument wieder so hergestellt, wie es ursprünglich war.

Doch es wäre nicht Barock, wenn es da nicht eine luftige Auffrischung in Form von farbenfrohen Deckenfresken gäbe. Die Kirche ist ein Gesamtkunstwerk, und um ehrlich zu sein, kann man immer nur kleine Häppchen von dieser Flut an Kunstwerken wahrnehmen.

Wieder vor der Kirche sah ich ein Schild: „Zu den Mumien“. Ich habe Ötzi einmal in Bozen gesehen. Ich stand vor ihm – klein und hilflos lag er da … und dort schämte ich mich irgendwie, dass ich ihn wie eine Kuriosität betrachtete. Mir kam es vor, als ob ich ihn in seiner Totenruhe störte – seitdem mag ich keine Mumien mehr sehen.

Stattdessen sahen wir uns die Ausgrabungen neben der Kirche an. 2000/2001 fanden auf dem Stiftsgelände archäologische Untersuchungen statt. Die Grundmauern des ehemaligen Refektoriums können noch besichtigt werden.

„Jetzt kommt mir die Gegend wieder bekannt vor“, sagte ich zu Gregi, als wir vom Stiftshügel hinab zum richtigen Badesee stiegen. Hier gab es früher ein Hotel, hier gibt es jetzt noch eine hübsche Siedlung und eine angeblich erstklassige Pizzeria und natürlich die gepflegte Freizeitanlage.

Waldhausens Ortsteile hängen nicht gerade zusammen. Ein Hügel liegt zwischen ihnen. In unserer Jugend waren wir nie über den Hügel zum Hauptplatz gekommen. Wir waren dazumal der Ansicht gewesen, dass der Teil um den Badesee ganz Waldhausen war. Gut, jetzt waren wir klüger.

Wir folgten dem Wanderweg aus dem Ort. Lange ging es einer Asphaltstraße entlang, an einem Damwildgehege vorbei bis zu einem Marterl. Dort links abbiegen, neben einem Bauernhaus stieg der Weg bergauf. Im Wald mussten wir nun den ersten steilen Anstieg nehmen. Diese Tour hat 450 Höhenmeter. Fünf Gipfel müssen bezwungen werden!

Der erste Anstieg lohnte sich richtig. Die Aussicht auf das im Tal liegende Stift und die Hügel dahinter war grandios. Kurz mussten wir eine Asphaltstraße bergab wandern, dann kam der nächste Anstieg – rauf zur Falkenmauer. Hier gab es Forstarbeiten. Der Weg war ein Paradies für Heuschrecken aller Art. Wir sahen sogar eine Ödlandschrecke (ihre blauen Flügel sieht man, wenn sie segelt). Auch entdeckten wir zwei Gottesanbeterinnen. Gottesanbeterinnen sind unheimliche Insekten, und ich frage mich ernsthaft, welchen evolutionären Vorteil es denn hat, dass die Weibchen die Männchen verspeisen. Die Natur ist nicht human oder nett. Eindeutig nicht.

Je höher wir stiegen, umso mehr riesige Steinblöcke lagen in der Gegend herum. Der Berg wurde immer steiler, endlich hatten wir die Falkenmauer erreicht. Massive Granitblöcke türmten sich hier auf, steil ging es neben den Steinen bergab. Wir kletterten ganz tapfer die Falkenmauer hoch, sogar die Leiter stieg ich noch rauf. Dann verließ mich der Mut, und ich machte kehrt.

Nach einer wohlverdienten Pause wanderten wir auf einem tollen Waldwanderweg weiter. Das nächste Ziel war ein Wackelstein und Opferschalen. Natürlich mussten wir dafür wieder auf einen Gipfel klettern. Der massive Wackelstein rührte sich keinen Millimeter, als ich an ihm schob. Ganz tiefenentspannt hockte er da auf seinem schmalen Sockel.

Vom Wackelstein war der Weg nicht mehr weit zu den Granitblöcken mit den angeblichen Opferschalen. Drei Stück davon konnte ich entdecken. Am Vortag hatte es geregnet, und alle Schalen hatten Wasser. Ich bin eher skeptisch, wenn man von Opferschalen spricht, in denen Blut aufgefangen worden sein sollte. Das mit den Schalensteinen ist nämlich so ein Rätsel. Da gibt es Leute, die glauben, dass die Schalen auch natürlichen Ursprungs sein könnten. Und dann gibt es die Personen, die von wilden Gelagen und Opferorgien faseln, wenn sie von diesen Steinen reden. Was sich dazumal auf diesem Gipfel abspielte, weiß man heute nicht mehr. Wäre hier kein Wald, könnte man sehr weit sehen. Es ist ein besonderer Platz. Das steht fest.

Für mich wäre es am ehesten vorstellbar, dass die Schalen dadurch entstanden, dass man Gesteinsmehl vom sozusagen heiligen Stein herausrieb. Steinmehl als Heilmittel wurde immer wieder verwendet. So stand ich sinnierend auf dem Stein mit seiner Schale – es war ein sehr angenehmer Ort. Blutrünstige Opferungen kann ich mir an diesem wohltuenden Ort kaum vorstellen.

Auf dem dritten Gipfel entdeckten wir dann die Einsiedlerhöhle. Als es im Tal noch das Kloster gab, sollte hier ein freundlicher Einsiedler gehaust haben, der sich von Pflanzen und Wurzeln ernährte und immer gute Ratschläge parat hatte. Ein gigantisch großer Granitbrocken bildete das Dach der Höhle. Trocken dürfte es hier gewesen sein – doch die Höhle hatte auf der Rückseite keine Wand. Kalt und zugig und sicherlich nicht angenehm hatte es der arme Mann.

Gipfel Nummer vier war wieder eine Attraktion für sich. Auf ihm befand sich der „Schafstein“. Eines mal vorweg: Der Stein sah nicht wie ein Schaf aus – auch wenn es sich bei diesen Granitfindlingen um Wollsackverwitterungen handelt. Hoch und spitz stand der Mugel da – sehr filigran sah die Auflage des Steins aus. Wagemutig, wie wir waren, kletterten wir die hohe, steile Leiter hoch, um auf das Plateau des Felsens zu gelangen – einfach hoffend, dass die schmale Auflage des Steins unser Gewicht auch noch aushielt. Oben wurden wir mit einer tollen Aussicht belohnt.

Gipfel Nummer fünf bot uns den schönsten Panoramablick der Wanderung. Die Aussichtswarte beim Heimkehrerkreuz. Hier trafen wir auch andere Personen, die den steilen, aber doch eher kurzen Aufstieg aus Waldhausen hochgewandert waren. Na ja – kurz ist relativ. Doch wenn man den ganzen Tag unterwegs war und einen Gipfel nach dem anderen erklommen hat (und das mit schwerer Fotoausrüstung), dann darf man das schon sagen.

Gämsenhaft hüpfte ein Paar, welches gerade noch auf dem Aussichtsturm gestanden hatte, wieder in den Ort hinunter. Wir waren eher wie müde alte Esel unterwegs und tapsten den abschüssigen Pfad vorsichtig hinunter. Dabei redeten wir verdächtig viel über gutes Essen – es war bereits spät, und im Hotel würde es schon Abendessen geben. Daher suchten wir die Pizzeria, die angeblich so toll sein soll, dass sogar von Amstetten die Leute extra herfuhren, nicht mehr auf.

 

 

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