Judendorf-Straßengel nach Gösting

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

 

10,9 km

383 HM

2:23 h

    

Im Buch „Gehen auf alten Wegen in den Süden“ von M. Burger hatte ich von dieser Tour gelesen. Hört sich interessant an, meinten wir, und schon machten wir uns an einem wunderbaren Frühlingsmorgen nach Judendorf-Straßengel auf.

Der Park dieses Ortes ist sehr hübsch und auch sehr belebt. Eltern mit Kindern, Senioren, Kurgäste – alle genießen den Park mit seinem herrlich alten Baumbestand sowie der tollen Aussicht auf den Berg mit seiner wahrhaft interessanten Kirche.

Wir wollten zu diesem Wallfahrtsort mit seinem berühmten Wurzelkreuz. Es ist ein Kreuz mit einem Korpus, der nicht von Hand bearbeitet wurde und rein in dieser Form aus einem Wurzelstock hervorgewachsen sein soll. Ich hatte mir im Internet ein Bild dieses besonderen Kreuzes angesehen – irgendwie faszinierend. Schafe sollen dieses heilige Relikt gefunden haben – sie knieten davor, und so wurden die Hirten darauf aufmerksam. Und weil es so besonders war, wollte man es natürlich nach Wien schaffen … Wer Legenden kennt, weiß, was jetzt kommt: Das Kreuz kehrte schlichtweg nach Straßengel zurück – es wollte nicht nach Wien. Und so entwickelte sich Straßengel zu einem Wallfahrtsort.

Wir machten uns nun auf den Weg dorthin. Wir querten den Hauptplatz und die Straße und steuerten auf einen Bildstock zu, bei dem ein Kreuzweg zur Kirche beginnt. Steil ging es durch den Wald bergauf, sehr steil – als ob wir eine Festung erklimmen würden. Und tatsächlich: Ursprünglich stand an dem Ort, an dem sich heute die gotische Kirche mit ihrem wunderbaren Turm (der sehr stark an den Steffl in Wien erinnert) befindet, ein Wehrturm. Die Aussicht ins Tal ist einfach traumhaft – doch wie traumhaft muss erst die Aussicht sein, welche die sieben menschengroßen Engel und die Muttergottesstatue haben, die in schwindelnder Höhe auf dem Kirchturm angebracht sind. Einige der Engel sind sogenannte „tönerne Engel“ – ihre Instrumente sollen geklungen haben, wenn der Wind durch sie hindurchfuhr.

Die Menschen kamen einst nicht nur zu diesem uralten Wallfahrtsort (er soll älter als Mariazell sein), um das legendäre Wurzelkreuz zu besuchen. Sie pilgerten auch zur „Maria im Ährenkleid“. Dieses Bildnis der Muttergottes sowie das Wurzelkreuz wurden 1976 gestohlen.

Und jetzt wird es wirklich kurios: Wie wir aus der Legende wissen, mag das Wurzelkreuz Maria Straßengel nicht verlassen. Und es kam – im Gegensatz zum menschengemachten Marienbildnis – wieder an seinen Lieblingsort zurück. Durch einen anonymen Anruf wurde mitgeteilt, dass man das Kruzifix auf dem Grazer Zentralfriedhof hinterlegt habe. Und dort fand man es dann auch.

Das Wurzelkreuz ist ein ganz besonderer Gegenstand, die gotische Marienkirche ein ganz besonderer Ort. Die riesigen, bunten Glasfenster, das Taufbecken, die Kopie des Bildes „Maria im Ährenkleid“ (von dem einige Leute behaupteten, es habe ursprünglich Demeter dargestellt) – stundenlang könnte man hier verweilen, staunen und genießen. Doch beinahe wäre diese herausragende Kirche abgerissen worden. Nachdem das Wallfahrerwesen durch Joseph II. sehr eingeschränkt worden war, gab es kaum mehr Einnahmen für die Kirche, die langsam verfiel. Außerdem schätzte man damals offensichtlich den gotischen Baustil nicht – also wollte man dieses Gotteshaus kurzerhand abreißen. Zum Glück wehrten sich die umliegenden Gemeinden.

Wir verließen die Rückfallkuppe, auf der die Kirchenfestung steht, in Richtung Friedhof und folgten dem gelben Wanderwegweiser Richtung Gösting. Es ging bergauf, wir kamen auf eine Forststraße, der Wanderweg hätte wieder in den Wald führen sollen … hätte. Der Durchgang war wegen Forstarbeiten gesperrt. Gregi meinte zwar, dass sonntags wohl kaum jemand im Wald arbeiten würde, doch ich setzte mich zum Glück durch, und so marschierten wir einfach die ungefährliche Forststraße weiter bergan. Eidechsen turnten in den Felsen herum, Schmetterlinge flatterten fröhlich dahin. Der Forstweg wurde zu einem Pfad, der den nächsten Hügel querte. Dann kamen wir zu einem Holzlagerplatz, es gab auch ein Bankerl. Wir bogen auf die Forststraße bergauf ein und folgten nun den gelben Wanderwegweisern Richtung Reinerkogel.

Steil bergauf – richtig steil bergauf – ging es nun. Endlich oben angekommen hätten wir uns entscheiden können: entweder nach Thal bei Graz, nach Gösting oder aber über den Frauenkogel nach Straßengel retour. Wir hatten uns den extrem steilen Berg hinaufgeschunden – eineinhalb Stunden nach Gösting wollten wir nicht mehr gehen, jedoch lockte uns der Frauenkogel. „Frauenkogel“ – ein Kogel gleich hinter der uralten Marienwallfahrtskirche. Der interessierte uns sehr.

Ein sonnenbeschienenes Bankerl lud uns am Frauenkogel zur Rast ein. Es soll ein Kraftplatz sein, lasen wir – und tatsächlich: Hier fühlten wir uns pudelwohl. Ein kleines Stück weiter gibt es weitere Bänke und einen Tisch, die Reste eines alten Aussichtsturms und mächtige, alte Buchen, die im Kreis angeordnet sind. Der Abstieg war sehr, sehr steil, und nun wusste ich auch, warum „Trittsicherheit“ eine Voraussetzung für diese Wanderung ist. Immer wieder – sofern man sich aufzuschauen wagte – konnte man herrliche Blicke ins Tal erhaschen. Irgendwie war ich dann schon froh, wieder auf einer Forststraße gelandet zu sein.

Mit langen Schritten eilten wir dem Tal entgegen. Plötzlich hörten wir hinter uns einen gewaltigen Lärm: eine Forstmaschine, ein Geländewagen mit Anhänger und noch ein Wagen mit Arbeitern. Soweit zu Gregis Theorie zur Sonntagsruhe im Forst. Gut, dass wir die Absperrung nicht überklettert hatten.

Wären wir nach Gösting gegangen, hätten wir den Jungfernsprung besuchen können. In die Burgruine kommt man momentan leider nicht mehr. Vor sehr, sehr vielen Jahren war das noch möglich, und die Aussicht auf Graz war einfach grandios. Ich hoffe, dass dieses alte Festungsgebäude wieder einmal für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird.

Wir kamen wieder beim Friedhof unter der Wallfahrtskirche heraus, querten diesmal jedoch den Parkplatz und marschierten über einen schmalen Pfad in den Ort hinunter – wobei man durchwegs einen tollen Blick auf den „steirischen Steffl“ hat.

Der Sorger am Hauptplatz bietet viele Sitzplätze, und diese sind auch sehr begehrt, was wohl auch ein klein wenig den Kurgästen geschuldet ist. Doch im Gegensatz zu unseren üblichen Wanderungen gab es hier im Norden von Graz auch andere Wanderer, die – so wie wir – mit Rucksäcken einkehrten.

Bei einem Kaffee mit Croissant nahmen wir uns vor, demnächst wieder einmal hierherzukommen. Wenn der Wanderweg wieder freigegeben ist und wir ohne jede Störung nach Gösting gehen könnten. Vielleicht könnten wir sogar mit dem Zug anreisen: Vom Hauptbahnhof in Graz bis Judendorf-Straßengel braucht die Bahn nur wenige Minuten, und von Gösting dann mit der Bim zurück zum Hauptbahnhof – gut machbar wäre das.

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