Distanz | Höhenmeter | Dauer | |
| 11 km | 75 HM | 2:45 h | |








Ich habe mich schon ein- oder zweimal darüber beschwert, dass im wunderschönen Burgenland die Wanderwege kaum bis gar nicht richtig beschildert sind. Die Burgenländer haben sich halt mehr auf die Radfahrer spezialisiert – oder auch auf Kinderwägen (die haben ja auch Räder), so der Fall in Lutzmannsburg. Dort gibt es hübsche Wanderschilder mit Kinderwagenrouten – und auf dieser Wanderung folgten wir zumindest eine Zeit lang dieser Wegführung.
Die Thermenhotels in Lutzmannsburg haben sich auf unseren Nachwuchs spezialisiert – besonders auf Kleinkinder. Als Kindertherme hat die Freizeiteinrichtung samt ihrer Hotels europaweit einen ganz hervorragenden Ruf. Lutzmannsburg wirbt auch damit, besonders viele Sonnentage zu haben. Und an einem „sonnigen“ Junitag machten wir uns auf den Weg, die Umgebung von Lutzmannsburg zu erkunden.
Gleich hinter den Hotels ist Österreich zu Ende. Die Asphaltstraße ist mit riesigen Betonsteinen abgesperrt – ein Durchgang für Fußgänger; auf der ungarischen Seite gibt es einen Parkplatz, vermutlich für viele Angestellte, die in den Hotels beschäftigt sind. Daneben sieht man noch ein „Mahnmal“ – Grenzzaun und Wachturm. Auf der österreichischen Seite gibt es auch viele fast turmartige Anlagen – ein Kletterpark für jugendliche Adrenalinjunkies.
Wir folgten eine Weile dem Grenzbach, dann überquerten wir ihn und kamen zu einem Golfplatz. Am Tag davor waren wir bei den Teichwiesen von Rohrbach – ein wunderbares Gebiet mit enormer Artenvielfalt. Neben dem Golfplatz in Lutzmannsburg sah es eher langweilig aus. Doch das sollte sich im Laufe der Wanderung zum Glück noch ändern.
Bei der Kreuzung bogen wir links ab in Richtung Kläranlage. Wir überquerten nun die Rabnitz, und schon kam mir ein äußerst interessanter und seltener Vogel vor die Linse: eine Goldammer – richtig hingebungsvoll sang sie, und ihre Augen leuchteten regelrecht vor Begeisterung. Ein wahrer Künstler.
Gleich hinter der Kläranlage mussten wir rechts abbiegen. Der Weg führte den Wald hinauf, und schon sahen wir die ersten Rebstöcke: Rebstöcke, Blumen, Kirschbäume, Nussbäume, eine Hecke mit großer Artenvielfalt – und einen nicht sonderlich schüchternen Feldhasen. Das Langohr querte einige Male den asphaltierten Güterweg, ehe es sich trollte. Die Weingärten waren von keinem Zaun abgetrennt; zwischen den Rebenreihen durften Blumen und Gras wachsen. Es war einfach herrlich. Und wieder gab es eine Goldammer, die sich des Lebens freute und voller Inbrunst sang.
Wir waren auf einem wunderbaren Hochplateau gelandet – sehr viel Blaufränkischer Wein wächst hier, und wie mir scheint, auf sehr natürliche Weise. Vom Plateau aus sahen wir ins benachbarte Ungarn, die Wassertürme glänzten. Ein weiterer Feldhase begleitete uns eine Weile – ja, er hoppelte zwischen den Weinreihen in ausreichendem Abstand neben bzw. hinter mir her. Zwischendurch putzte er sein reizendes Gesichtchen – ob er sich für das Foto hübsch machen wollte?
Die Kinderwagenwanderwege 2 und 3 zweigen irgendwann rechts ab; wir blieben auf unserer Straße und folgten ab nun dem Radweg. Die Aussicht wurde immer spektakulärer. Ein burgenländischer Gebirgszug war zu sehen – dahinter, ganz blass, der Schneeberg.
Über den Kreuzweg erreichten wir den Ort Strebersdorf. Unscheinbar wirkt das Dorf heute – doch wir sollten uns nicht täuschen lassen: Hier befanden sich in der Römerzeit vier Militärlager. Und durch Strebersdorf führte die legendäre Bernsteinstraße. Die Bernsteinstraße war eine Verbindung zwischen dem Norden (Ostsee) und dem Römischen Reich. Ursprünglich gab es etliche Routen, doch die Römer waren sehr kluge Leute. Reisen musste schneller gehen, also baute man vom Carnuntum an der Donau bis nach Italien eine Straße, auf der zwei Wagen aneinander vorbeifahren konnten. Zwischen Strebersdorf und Großmutschen gibt es noch eine Römerstraßentrasse. Die Basis war zirka 6,4 bis 7 Meter breit. Auf dem Lehmboden kam Schotter, dann Sand und dann Kies – die Fahrbahnbreite betrug etwa 4 Meter. Schnurgerade zog sich diese Römerstraße durch die Gegend, und westlich von Strebersdorf überquerte die Trasse den Raidingbach, den Stooberbach und die Rabnitz. Die Römerstraße bei Großmutschen wurde vom Archäologen Alphons Barb 1930 entdeckt – und heute noch kann man eine kurze Strecke auf dieser antiken Straße gehen (nicht bei unserer Wanderung).
Von Strebersdorf ging es neben der Rabnitz entlang, die durch den Zusammenfluss mit den vorhin erwähnten Bächen inzwischen ein recht stattliches Gewässer geworden ist, zurück nach Lutzmannsburg. Wieder war eine Brücke zu queren, und wir marschierten neben einer Pferdekoppel in Richtung der römisch-katholischen Kirche, die samt Friedhof auf einer Anhöhe gebaut worden war.
Die Kirche befindet sich im Bereich einer ehemaligen Komitatsburg (erbaut im 9. oder 10. Jahrhundert), und diese Wallburg wurde auf den Fundamenten eines größeren römischen Baus errichtet. Und vor den Römern gab es hier noch die Kelten. Wir standen vor der Kirche und genossen diesen besonderen Ort. Kein Wunder, dass dieser Fleck Erde so kontinuierlich von Menschen genutzt wurde. Heute befindet sich neben der Kirche ein Parkfriedhof. „Ruhe in Frieden“ – der Parkfriedhof strahlt tatsächlich so etwas wie Frieden aus.
Wenn die Rabnitz Hochwasser hat, kann dieser Fluss recht gefährlich werden. Das erfuhren die Lutzmannsburger im Jahr 1813. Nachdem es 1814 erneut zu schweren Überschwemmungen gekommen war, hatte es den Lutzmannsburgern gereicht, und sie haben den ältesten Markt des Burgenlands (bereits 1156 urkundlich erwähnt) einfach 200 Meter weiter weg vom Fluss neu aufgebaut. Hübsch war das „neue“ Lutzmannsburg geworden: ein Anger in der Mitte samt evangelischer Kirche und einem etwas obszönen Pranger sowie links und rechts geschlossene Häuserzeilen. Haus und großes Tor – nächstes Haus mit dem nächsten großen Tor – eine lange Kette von Bauernhäusern. Diese unterscheiden sich enorm: Die Fassaden haben verschiedene Farben und Dekore, die Tore sind ebenfalls äußerst unterschiedlich. Die Einteilung der Höfe ist jedoch ähnlich. Hinter den Fassaden zum Hauptplatz befand sich im Normalfall der Wohnbereich, dahinter der Stall und ganz hinten die Tenne. Fuhr man aufs Feld, musste man nicht über den Hauptplatz fahren. Ich betrachtete den lang gezogenen Anger in der Mitte des Hauptplatzes und stellte mir vor, wie hier einst Hühner und Gänse herumgelaufen sind, dazwischen spielende Dorfkinder, gemütliche Bänke vor den Häuserfassaden, damit man mit den Nachbarn zusammensitzen konnte. Doch genug der kitschigen Idylle: Der Pranger zeigt uns jedenfalls, dass nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ war.
Im Ort gibt es reichlich Gastronomie – die Therme ist ja nicht weit entfernt: Kuchen, Pizza, Pasta, einen bäuerlichen Selbstvermarkter, Winzer – hier kommt jeder auf seine Rechnung.
Von Lutzmannsburg aus ist es nur noch ein Katzensprung zurück zu den Thermen. Wir waren die ganze Strecke zu Fuß gegangen. Da wir ausschließlich auf asphaltierten Wegen unterwegs waren, hätten wir uns auch ein Tretrad für mehrere Personen mieten können. Allerdings – ob wir dann auch die Goldammer sowie den Hasen entdeckt hätten? Wer weiß.


































