Distanz | Höhenmeter | Dauer | |
Lochsteinwanderweg | 5,5 km | 190 HM | 1:30 h |




















Der Ausgangspunkt der Wanderung liegt außerhalb des Ortszentrums von Strallegg, und zwar an der Straße nach Miesenbach. Links der Straße gibt es ein Schild „Urlaub am Bauernhof – Familie Haubenwaller vulgo Geiregger“. Das Schild fällt auf: Es hat ein richtig hübsches Blumenkästchen, daneben steht noch eine Milchkanne und der erste Lochstein der Wanderung.
Wir waren sehr früh an einem heißen Augusttag unterwegs, um den Lochsteinweg zu begehen. Vom „Urlaub am Bauernhof“-Schild ging es vorerst einmal die Zufahrt durch einen Wald bergauf. Wir hörten das markante Zwitschern von Zilpzalpen, die fröhlich vor sich hinsangen. Es war August – für Graz waren an diesem Tag ganze 35 Grad Celsius prognostiziert. Selbst in den frühen Morgenstunden genossen wir bereits den Schatten.
Kurz vor dem Haus führte ein steiniger Pfad am Waldrand bergan. Polster von Heidekraut wuchsen neben dem Weg, rechts gab es ein abgeerntetes Getreidefeld. Darunter lag eine leere Weide, denn die cleveren Kühe hatten sich in den Wald begeben. Der Landwirt ist klug und ermöglicht es seinen Tieren, unter schattigen Bäumen Abkühlung zu finden.
Wir kamen auf eine ebene, staubige Straße mit grandiosem Panoramablick, die eine Teilstrecke des „Großen Jogl“-Radwegs ist. Bald schon mussten wir links abbiegen, und wieder ging es einen Waldweg bergauf. Wir mussten aufpassen, auf keine Pilze zu treten: Täublinge, Fliegenpilze, Perlpilze und ein wunderbarer Satanspilz mit einem dicken roten Bäuchlein und gelber Kappe.
Bis jetzt waren wir auf dem Zubringerweg zum Lochsteinweg unterwegs gewesen. Nun hatten wir ihn erreicht. In der Steiermark kenne ich zwei Lochstein-Rundwege. Auf einem waren wir gerade unterwegs – der andere Lochsteinweg befindet sich im nahe gelegenen Vorau.
Im Gebiet Vorau, Wenigzell, Miesenbach und Strallegg gibt es sehr, sehr viele Lochsteine. Urtümlich wirken sie – archaisch. Nun ja, sie sind ja auch schon alt. Sie sollen Relikte aus der Megalithkultur sein. Lochsteine sind fast wie Menhire, nur dass sie zusätzlich noch sehr präzise und sorgfältig ausgebohrte Löcher haben. Und irgendwie sollen sie in Verbindung mit den Erdställen stehen, die in dieser Gegend ebenfalls vorkommen. Doch so viel man auch forscht: Ganz genau wird man wohl nicht mehr herausfinden können, wieso man diese Steine aufgestellt hat.
Wir standen vor einem recht großen und schönen Exemplar. War er wirklich ein Kalenderstein? Oder stand er dort als Orientierungshilfe? Ganz in der Nähe soll einst eine Römerstraße vorbeigeführt haben, beim „Toten Mann“ gab es damals eine Wegkreuzung.
Wir querten eine Kuhweide und kamen zum nächsten urigen Stein mit Loch. Ein Baum stand daneben, und auf diesem hatte man eine Marienstatue befestigt. Kurz vor einem Bauernhof, der Fremdenzimmer anbot, stand der nächste Lochstein. Dann ging es auf der Asphaltstraße weiter … wir erreichten einen gigantisch großen Stein: einen Prangerstein mit Eisenhandfesseln. Da wollte wohl die Gerichtsbarkeit ganz sicher gehen, dass niemand mit dem Stein an den Fesseln abhauen konnte. Man hatte sich offenbar den größten Felsen in der Umgebung ausgesucht.
Lochsteine – so sinnierte man auch – könnten Grenzen markiert haben, ebenso die Grenzen von Gerichtsbezirken. Doch wenn dies der Fall war, müssten diese Lochsteine weitaus jüngeren Datums sein.
Volksbräuche ranken sich um Lochsteine, die nahelegen, dass sie einem Totenkult dienten. Getreide oder Mehl wurde in die Löcher gegeben. Man hoffte, dass die Verstorbenen sich daran laben konnten. „Windfüttern“ nannte man das. Die Lochsteine durften auch nicht gerüttelt werden, weil es den armen Seelen sonst weh täte.
Beim Straßenbau und in der Landwirtschaft sah man das nicht ganz so eng. Stand ein derartiges Steinrelikt im Weg, dann kam es weg oder wurde bestenfalls versetzt. Diese Steine erkennt ein Wünschelrutengänger sofort, denn bei einem Lochstein, der auf seinem Originalplatz steht, gibt es immer auffällige Strahlenkreuzungen.
Kurz mussten wir den Weg retour gehen, dann ging es die Weide an einer Hecke entlang bergauf. Hecken sind wunderbar für die Landschaft. Steine, die auf dem Feld störten, liegen darin, urige alte Bäume wachsen dort und herrliche Büsche … und in diesen Büschen und Bäumen tut sich was.
Goldammern und Weidenmeisen konnten wir sehen, einen Eichelhäher hörten wir, ein echter Kolkrabe flog über unsere Köpfe hinweg, wobei er sein tiefes, kehliges Krächzen hören ließ.
Wieder mussten wir links in einen beinahe ebenen Weg abzweigen. Auf beiden Seiten wuchsen Bäume. Es war hier richtig angenehm zu gehen, und schon wieder konnten wir einen imposanten Lochstein entdecken. Nun ging es im Wald leicht bergab, und wir erreichten den Höhepunkt der Wanderung: den Strallegger Bildstein. Unscheinbar liegt der Schieferblock neben dem Wegrand. Der Platz, an dem er sich befindet, ist nicht unbedingt idyllisch oder erkennbar besonders.
Besonders ist allerdings der Stein selbst. Die Petroglyphe ist tief in den Stein eingeritzt, so breit, dass man mit den Fingern die Figuren nachzeichnen kann. Ein Strichmännchen ist klar erkennbar – doch das andere Bild … was ist das bloß?
Ein Andreaskreuz, behaupten die einen, und einen Phallus. Ein gleichschenkeliges Kreuz und ein Phallus oder ein Baum mit zwei starken Wurzeln, die anderen. Jedenfalls ein Fruchtbarkeitssymbol. Eine Pfeilgravur – eine Art Wegweiser. Gab es in der Nähe doch den Römerweg. Jedes Buch, in dem ich über den Bildstein recherchierte, hat seine eigene These. So ganz genau kann man das nicht sagen. Auch kann man nicht genau sagen, ob das abgebildete Menschlein eine Frau oder ein Mann ist.
Beim letzten Besuch des Bildsteins war ich der Ansicht, dass dort eine Frau unter einer Palme in der Sonne liegt. Bei dem aktuellen Besuch kam mir ein anderer Gedanke. Die vordere Kante des Bildsteins ist recht glatt und rechtwinkelig. Was, wenn dieser Stein auf dieser Kante einst aufrecht gestanden hat? Dann würde ich einen umgefallenen Baum sehen und eine Frau, die gestürzt war. Erzählte dieser Stein von einem Unfall?
Lustig ist die Geschichte, wie dieser Stein gefunden wurde. Das war nämlich ganz und gar kein Zufall. In Strallegg erzählte man sich die Geschichte, dass zur Zeit der Pestepidemie an einem Altarstein Messen abgehalten wurden. Der Bauer Franz Marktfelder wollte es genau wissen: Gab es diesen Altarstein (oder Alterstein) wirklich? Also suchte er gründlich … und 1920 wurde er fündig. Ich finde es toll, dass es Leute mit Visionen und Zielen gibt. Dank ihm können wir heute diesen außergewöhnlichen Bildstein besuchen.
Gleich nach dem Bildstein (der sich übrigens nicht mehr an seiner ursprünglichen Stelle befindet) kommt man zur Kühgrantlquelle. Heilwasser soll es sein. Eine Frau war mit ihrem Hund spazieren und meinte, der Hund solle bei der Quelle trinken. Der Hund verschmähte das Heilwasser.
Es ging eine Forststraße bergab, dann links in einen schmalen Pfad in den Wald. Die blauen Heidelbeeren dufteten herrlich. Wir kamen in einen Graben, und dann stand vor uns der höchste Lochstein auf unserer Runde. Eine Treppe führte neben ihm aus dem Graben. Hier soll ein Kraftplatz sein. Gestärkt marschierten wir weiter und entdeckten den nächsten kuriosen Menhir mit einem sehr großen Loch: den Verlobungsstein.
Und jetzt wird es romantisch. In England werden derartige Steine als Rechtssteine bezeichnet. Liebende, die sich durch dieses Steinloch die Hände reichen, schwören sich gegenseitig lebenslange Treue. In England? Nicht nur in England. Auch diese Kultstätte wird offensichtlich noch aufgesucht. Unter dem Menhir liegt ein herzförmiger Stein mit einem aufgemalten Anker. Wer immer sich hier auch verlobt hat – wir wünschen viel Glück.
Viel haben wir auf dieser Wanderung gesehen und erlebt. Sinn macht es, nach dieser Wanderung nach Strallegg zu fahren. Dort gibt es ein Felsbildmuseum (Steinmuseum) sowie eine gute Gastronomie, einen hübschen Ortskern und – wie es sich für ein Blumendorf gehört – einen erstklassigen Blumenschmuck.



















































