Distanz | Höhenmeter | Dauer | |
Bad Kreuzen | 4,5 km | 175 HM | 1:25 h |










Klammen und Schluchten sind anziehende Orte. Neben einem Bach zu gehen, der über kleine und größere Kaskaden seinen Weg ins Tal sucht, hat eine äußerst positive Wirkung auf uns Menschen. Heute spricht man von negativ geladenen Luftionen, die sich wohltuend auf das Immunsystem auswirken. Doch die gesundheitsfördernde Kraft von Wasserfällen ist schon seit Langem bekannt.
Dass Wasser zur Heilung verwendet werden kann, wusste bereits Sebastian Kneipp (1821–1897), der von Beruf Priester war. Schon mit 25 Jahren litt Kneipp an einer Lungenerkrankung und begann, sich intensiv mit dem Thema Gesundheit auseinanderzusetzen. Auf diesem Weg stieß er auf Wasseranwendungen und stieg zwei- bis dreimal wöchentlich kurz in die kalte Donau. Einen Teil seines Wissens hatte er von Vincenz Prießnitz (1799–1851).
Prießnitz stammte – wie Kneipp – aus ärmlichen Verhältnissen und eignete sich seine Kenntnisse als Naturheiler autodidaktisch an. 1830 errichtete er in Gräfenberg eine Badeanstalt, die offenbar einen ausgezeichneten Ruf genoss. Davon dürfte auch Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha gehört haben – ihm gehörten sowohl die Burg Grein als auch die Burg Kreuzen. Er schickte den Wundarzt Maximilian Keyhl nach Gräfenberg, um bei Prießnitz zu studieren. In der Folge wurde am 10. Mai 1846 in Kreuzen eine Kaltwasserheilanstalt eröffnet.
Doch nicht irgendeine Badeanstalt – sondern die romantischste, die man sich vorstellen konnte. Sie lag in der Wolfsschlucht, wo sich der Prießnitzbach in schönster Manier über Granitfelsen stürzt und dabei unzählige negativ geladene Luftionen freisetzt.
Diese ehemalige natürliche Badeanstalt besuchten wir im September 2025. Wir parkten das Auto in Bad Kreuzen, das auf einer herrlichen Aussichtsterrasse mit Blick auf die Burg Clam und das flache Machland liegt.
Wir marschierten bergab, dem Weg 5a folgend. Im Ort Neuaigen gibt es ein Hinweisschild: „Achtung, KellnerInnen queren die Straße!“ Wir querten sie ebenfalls und wanderten den steilen Waldweg hinunter bis zum Wanderparkplatz. Dort hatten wir den tiefsten Punkt der Wanderung erreicht – ab jetzt ging es wieder hinauf, hinein in die Klamm.
Das „Wiener Wellenbad“ ist die erste Station in dieser besonderen Schlucht: ein natürliches Wasserbecken, das an heißen Sommertagen bis zu knackige 14 Grad Celsius erreicht. Wie gesagt – es handelte sich um eine Kaltwasserkur. Zum Kurbetrieb gehörten auch die Neptunsgrotte, die Damendusche, das Damenbad, ein Badestein, ein Jägersitz (ob man von dort auf die Damenduschen blicken konnte, vermag ich nicht zu sagen), der Herkulesfelsen, die Herzogsquelle und die Anton-Bruckner-Zuflucht.
Über steile Treppen ging es dann die spektakuläre Klamm bergauf. Große Granitfelsen bildeten grüne, moosüberzogene Gesichter, umrahmt von Farnen wie Haaren – zumindest sahen wir das so. Möglich, dass die negativ geladenen Luftionen unsere Fantasie ein wenig beflügelten.
Weiter oben spielten Kinder im Bachbecken, wo einst die Kurgäste ihre Heilbäder und Duschen genossen hatten – wobei genießen bei 12 bis 14 Grad vielleicht relativ ist. Die Kleinen waren jedenfalls völlig vertieft in ihr Spiel, während die Eltern eher damit beschäftigt waren, Kindersocken auszuwringen.
Am Ende der Klamm steht ein hölzerner Aussichtsturm. Er wackelt ein wenig, und man muss zuerst auf Granitfelsen kraxeln, bevor man überhaupt zur Stiege gelangt. Doch oben angekommen sieht man … Bäume. Bäume und nochmals Bäume. Ein Tal voller Wald, Hügel voller Wald – diese Gegend Österreichs ist sehr holzreich.
Folgt man dem Wanderpfad weiter, entdeckt man bald erste Mauern im Wald. Die Burg Kreuzen muss einst stattliche Ausmaße gehabt haben; sie soll die zweitgrößte Burg Oberösterreichs gewesen sein. Man nimmt an, dass sie um 900 als Fluchtburg errichtet wurde – selbst für eine Burg ein ehrwürdiges Alter.
Ursprünglich gehörte das Gebiet den Brüdern Hans und Alber Volkensdorfer: zwei Brüder, zwei Burgen – eine vordere und eine hintere. Später erwarben die geschäftstüchtigen Brüder Siegmund und Heinrich von Prüschenk (die Erbauer des Schlosses Grein) die Anlage. Weitere Besitzer folgten, bis im 18. Jahrhundert ein Brand die vordere Burg zerstörte, die daraufhin abgetragen wurde.
Schließlich gelangte die Burg in den Besitz der Familie Sachsen-Coburg-Gotha – und damit schließt sich der Kreis zur „Herzoglich-Coburg’schen Kaltwasseranstalt Kreuzen“. Man kann sich gut vorstellen, wie die Kurgäste in ihren kessen Badeoutfits in der Wolfsschlucht standen, während eiskaltes Wasser wie aus einer Dusche über sie herabregnete. Idyllisch vielleicht, aber sicher nicht angenehm. Auch der beschwerliche Weg in die Schlucht wurde den Gästen bald zu mühsam.
So errichtete man in Bad Kreuzen ein modernes Curhaus samt Cursalon. Auch dieses Haus blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Heute wird es von den Marienschwestern vom Karmel geführt. Die Wasseranwendungen finden nun nicht mehr tief unten in der Schlucht statt, sondern oben im Ort. Während man unten Prießnitz ehrte, indem man den Bach nach ihm benannte, ehren die Schwestern heute Kneipp mit einem eigenen Garten.
Zurück zur Burg Kreuzen: Seit 2012 werden ihre historischen Räume vom Hotel Schatz.Kammer mitgenutzt. Es gibt eine Burgschenke mit einem wunderbaren Gastgarten und herrlichem Weitblick. Wir saßen dort – hinter uns die sonnenwarme Burgmauer, vor uns das weite Tal. Ich fühlte mich fast wie eine Burgfrau. Nur dass ich zu einem himmlischen Mohnkuchen einen ausgezeichneten Kaffee genoss – ein Luxus, den die früheren Burgbewohner wohl nicht kannten.
Von der Burg aus sahen wir das Schloss Grein und auch die Burg Clam. Zwischen diesen Anlagen bestand immer wieder eine enge historische Verbindung. Burgen gibt es in dieser Gegend viele – ebenso den Burgen- und Schlösserweg, der in Grein beginnt und sich über 215 Kilometer durch das Mühlviertel und Südböhmen zieht. Er führt an 19 Burgen und Schlössern vorbei, darunter auch an Burg Kreuzen.
Unser Weg führte schließlich zurück in den Ort mit seiner spätgotischen Pfarrkirche St. Veit. Besonders sehenswert ist die Wandmalerei aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, die Szenen aus dem Leben des Heiligen zeigt.
Danach besuchten wir noch den Kneippgarten, der in Reiseführern wärmstens empfohlen wird, und spazierten am Curhaus vorbei. Doch romantischer bleibt die Wolfsschlucht – eindeutig.
Wenn ich mich entscheiden müsste: ein kaltes Bad in der Wolfsschlucht oder eine Kur im eher nüchternen Curhaus? So sehr mich die Geschichte reizt – sanitäre Einrichtungen sind nicht zu verachten. Ich glaube, ich würde mich doch für das Curhaus entscheiden. Die natürlichen Badebecken überlassen wir lieber den spielenden Kindern und ihren Eltern, die dort unfreiwillig Wäsche waschen.
























