Distanz | Höhenmeter | Dauer | |
| 7 km | kaum | 2,5 Stunden | |













Die Wanderung von Schielleiten nach Fieberbründl und zurück ist für uns eigentlich eine klassische Winterwanderung, wenn die Tage recht kurz sind und wir in der Kälte nicht allzu lange im Freien unterwegs sein wollen. Doch diese Strecke ist zu allen Jahreszeiten herrlich.
Wenn man vor dem Schloss Neu-Schielleiten steht, sich kurz umdreht und auf den Vockenberg blickt, kann man die Ruinen der Burg beziehungsweise des Schlosses Alt-Schielleiten entdecken. Alt-Schielleiten wurde als Wehrburg in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf der „schiefen Leite“ (dem Abhang) des Vockenberges errichtet. Von dieser „schiefen Leite“ dürfte wohl auch der Name stammen.
Errichtet wurde sie von Stubenbergischen Dienstmannen, die sich nach ihrer Burg „von Schielleiten“ nannten. Diese Familie war nicht unbedingt einflussreich und hatte auch nicht viel Zeit, bedeutende Persönlichkeiten hervorzubringen, denn um 1400 erlosch das Geschlecht.
Irgendwann kam die Burg in den Besitz der Familie Rindscheidt, die sie im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts in ein hübsches Renaissance-Schloss verwandelte. Das Gebäude wurde immer weiter ausgebaut, und zu Beginn des 17. Jahrhunderts kamen auch ein prachtvoller Garten samt Lusthaus hinzu. Stattlich sah das Anwesen nun aus, und die Besitzer hätten sich dort eigentlich auch recht wohlfühlen können – hätten und können.
Die Rindscheidts waren protestantischen Glaubens, wie damals sehr viele Adelige in der Steiermark. Im Zuge der Gegenreformation mussten sie die Steiermark verlassen. Also kam die Herrschaft an einen neuen Besitzer – und dieser war mit der hübschen Burg beziehungsweise dem Schloss scheinbar nicht ganz zufrieden.
Bequemer wäre ein Schloss im Tal gewesen, also ließ Graf Max Rudolf von Wurmbrand-Stuppach ein neues Schloss errichten. Einen barocken Prachtbau. Ein Schloss zu bauen war keine Kleinigkeit. Als der Graf starb, war kein Geld mehr für den Bau vorhanden – dafür aber ein ganzer Haufen Schulden. An eine Fertigstellung war nicht mehr zu denken. Wir befinden uns im Jahr 1731. Man überlegte, ob man nicht doch wieder das alte Schloss herrichten sollte – daraus wurde allerdings ebenfalls nichts.
Mehr als 200 Jahre später, im Jahr 1935, kam Neu-Schielleiten in den Besitz der Republik Österreich. Dabei wurde auch der bis dahin fehlende Gebäudetrakt errichtet. Bis 1938 diente das Schloss, das nun sogar über einen Turnsaal verfügte, der Österreichischen Turn- und Sportfront. Unter den Nationalsozialisten wurde Sport ebenfalls stark gefördert – die Soldaten sollten schließlich körperlich sehr fit sein. In Neu-Schielleiten entstand eine Gauschule, eine Ausbildungsstätte für Leibesübungen.
1947 kam Schloss Neu-Schielleiten erneut in österreichischen Staatsbesitz, und hier entstand die erste Bundessportschule Österreichs.
Rund um das Schloss stehen einige Statuen. Diese thronten früher in schwindelerregender Höhe über dem Schloss auf einer Attikamauer. Dicke Bäume wachsen im Park, daneben gibt es diverse Sportstätten. Doch diese ließen wir links liegen und folgten dem Wanderweg. Bald kamen wir zum nächsten Highlight. Auf einem Damm mit uralten, mächtigen Bäumen wanderten wir an einem Fischteich vorbei, wobei uns ein Fischreiher argwöhnisch beobachtete.
Wir bogen rechts ab. Ganz kurz mussten wir auf einer schmalen Asphaltstraße gehen, doch gleich bei einer Kapelle ging es wieder in Richtung Wald. Hier gab es den nächsten Damm und den nächsten Fischteich. Wir folgten dem Forstweg und kamen zu einem Gedenkstein. Im Jahr 1924 wurde in diesem Wald der Gendarm Andreas Haas in pflichtbewusster Ausübung seines Berufes erschossen.
Mitten im Wald stand ein verlassenes Bauernhaus, etwas später folgte ein weiteres Haus – allerdings nicht verlassen, sondern sehr belebt. Glückliche Hühner und ein hübscher weißer Pfau zeigten sich dort. Der Pfau wollte den munter gackernden Hennen in schönstem Imponiergehabe demonstrieren, wer hier der „Hahn im Korb“ war.
Wir kamen an einem Waldrand entlang, querten eine Wiese, die das Habitat unzähliger musikalischer Grillen war, passierten noch ein Bauernhaus, dann noch eines, wieder Wald – und nun kamen uns recht viele Leute entgegen. Eindeutig: Wir waren mehr oder weniger auf der Zielgeraden in Richtung Maria Fieberbründl. Wir hörten bereits Gesang – sonntags gibt es sogar um 15 Uhr noch eine Messe – und dann sahen wir das Schild „Gradieranlage“.
Diese mussten wir uns natürlich ansehen. Ein Holzbau, der an eine Waldkapelle erinnert, mit Wänden aus Schlehdornzweigen und Tannenreisig. Darüber rieselte unaufhörlich solehaltiges Wasser. Das tut den Lungen gut.
Der Weg führte bergauf zum Gasthaus Durlacher. Wir wanderten an ehemaligen Devotionalienhändlern vorbei hinunter zur Kirche. Die Messe war noch voll im Gange. Selbst auf den Bänken vor der Kirche saßen Menschen, die dank der Außenlautsprecher der Messe gut folgen konnten. Ein Tisch für die Agape war bereits vorbereitet, und in der Quellenkapelle brannten unzählige Opferlichter.
Das Wasser von Maria Fieberbründl ist stark rechtsdrehend und soll gegen Halskrankheiten, Kropfleiden und Fieber helfen. Ursprünglich wurde in diesem doch sehr versteckten Winkel der Oststeiermark eine Holzkapelle errichtet. 1879 wurde dann eine größere Wallfahrtskapelle gebaut, und der Ort zog schließlich so viele Pilger an, dass man in den Jahren 1893/94 eine Bethalle anbaute.
1953 übernahm der Kapuzinerorden die Betreuung des Wallfahrtsortes und fügte Kapelle und Bethaus ein Querschiff hinzu. Maria Fieberbründl ist offensichtlich noch immer ein beliebter Wallfahrtsort. Sonntags werden in der Filial- und Wallfahrtskirche Maria im Elend gleich drei Messen gefeiert.
Allerdings glaube ich kaum, dass die Wallfahrtsriten, die im Buch „Kultplätze im Land Steiermark“ von Franz Jantsch aus dem Jahr 1994 beschrieben werden, heute noch aktuell sind:
„Das Hauptfest ist am 8. November. Aus Stinatz im Burgenland kommt eine Prozession zu Fuß. Mädchen tragen Blumenkränze im offenen Haar. Beim dritten Umgang werfen sich die Mädchen bei einem bestimmten Lied auf das Angesicht und bleiben so liegen, bis das Lied zu Ende ist.“
Diese Zeiten sind wohl vorbei. Aus dem Lautsprecher hörte ich stattdessen meines Erachtens sehr sinnvolle Abschiedsworte einer fürsorglichen Frau, die sich – so glaube ich – an betagte Kirchenbesucher richtete. Sinngemäß sagte sie:
„Wer möchte, kann zur Gradieranlage gehen – das ist ein bisschen Bewegung, die uns gut tut. Und vergesst bitte nicht, Wasser zu trinken. Die letzte Stunde haben wir nichts getrunken.“
Auch so kann Wallfahrt aussehen. Betagte Menschen, die gemeinsam eine Messe feiern und singen, und fürsorgliche Personen, die sich um ihre Gesundheit sorgen. Ein aufeinander Achtgeben – das gefällt mir persönlich noch besser als die jungen, blumenbekränzten Mädchen, die sich auf ihr Angesicht werfen.
Retour nach Schielleiten geht es auf derselben Strecke.



















