Ruine Ruttenstein Weg Nr. 95

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

 12 km362 HM3 Stunden
    

Die Mühlviertler Alm ist eine Gegend, in der wir immer wieder sehr gerne unterwegs sind. Wir nächtigen im Hotel Fürst in Unterweißenbach, einem Markt, der für Mühlviertler Verhältnisse recht belebt ist. Nicht weit von Unterweißenbach liegt eine wahrhaft große und interessante Burgruine: die ehemalige Burg Ruttenstein. Diese wollten wir auf einer Wandertour erkunden – Startpunkt war Pierbach, ein Ort, der in der Luftlinie ebenfalls nicht weit entfernt liegt. Mit dem Auto fuhren wir jedoch um die Berge herum und legten dabei rund 18 Kilometer zurück.

Zu unserer Wanderung:
In Pierbach gibt es einen ganz tollen Parkplatz für Wanderer, denn der Ort ist auch Startpunkt des beliebten Johanneswegs. Pierbach wurde bereits um das Jahr 1000 gegründet. Die Pfarrkirche zum Heiligen Quirin besitzt romanische, gotische sowie barocke Bauteile.

Wir verließen den Ort, indem wir die Bundesstraße und eine Brücke querten und in Richtung Norden auf das Gasthaus „Beim Trinkl“ zustrebten. Eine sehr große Gruppe bestens gelaunter Wanderer kam uns entgegen und lud uns ein, mit ihnen zum Augenbründl zu gehen. Doch wir hatten anderes vor: Die Ruine der größten Wehrburg im Mühlviertel wartete auf uns.

Zuerst wanderten wir entlang einer schmalen Asphaltstraße der Naarn entlang. Schließlich bog der Weg links ab, und über eine Brücke gelangten wir in den Wald, wo der erste Aufstieg der Wanderung begann. Wir kamen bei einem Bauernhaus heraus; neben uns ein Weidezaun, viele urige Bäume, und noch mehr muntere Vögel waren unterwegs. Buchfinken, Meisen, Spechte, Singdrosseln, Mönchsgrasmücken, Rotkehlchen, Amseln sowie Goldammern waren zu hören und zu sehen.

Schließlich sahen wir vor uns ein Marterl im Steinbloß-Stil. Hier mussten wir wieder rechts abbiegen und dem Asphaltweg ein kurzes Stück folgen, um dann erneut links in den Wald einzutauchen. Der Waldboden war hier wunderbar hellgrün, es gab Teppiche von Heidelbeeren, dazwischen lagen Granitbrocken – einfach schön.

Das weitere Wegstück führte auf Asphalt, aber keine Angst: Die Straßen auf der Mühlviertler Alm sind kaum frequentiert. Dann erreichten wir den Parkplatz zur Ruine Ruttenstein. Ich freute mich, nun gleich das beeindruckende Bauwerk erkunden zu können – und las, dass es noch 45 Minuten bis zur Burg seien. Es waren angenehme 45 Wanderminuten. Ich entdeckte „tanzende“ Eichen, dann eine Birnbaumallee, und schon hatten wir einen wunderbaren Blick auf die hoch über uns aufragende Ruine.

Wir entschlossen uns, zuerst den Wehrbau zu besichtigen und anschließend in der „Ruttensteiner Hütte“ einzukehren.

Für die Burgbesichtigung sollte man unbedingt mindestens eine Stunde einplanen. Wir umrundeten das Bauwerk. Die Ringmauer war sehr massiv, mit sieben Halbschalentürmen, die aus dem Granit zu wachsen schienen. Durch diese Halbschalentürme war es der Burgmannschaft möglich, Angreifer, die die Mauer stürmen wollten, geschützt von der Seite anzugreifen. Die Ringmauer ist 2,3 Meter dick und schützt das Burgareal, das gewaltige 5.000 m² umfasst.

Auf 758 Metern Seehöhe liegt die Burg und damit weit höher als alle Hügel der Umgebung. Die Hochburg wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet, als Bauherren gelten die Grafen von Clam-Velburg. Diese rodeten die Wälder rund um den Fluss Naarn. Im Oberlauf des Flusses errichteten sie dann hoch über dem Tal das „castrum Rotinstaine“. Graf Ulrich von Clam-Velburg nahm unglücklicherweise an einem Kreuzzug teil und kehrte nicht mehr zurück. Daher fiel der Besitz an den Landesfürsten, die Babenberger. Nach den Babenbergern kam die Burg an König Rudolf I. von Habsburg, der sie wiederum an einen verdienten Krieger mit dem ungewöhnlichen Namen Ulrich der Lange von Capellen verpfändete.

Dieser Adelszweig starb jedoch 1406 im Mannesstamm aus. Erbinnen waren die Töchter Dorothea und – mit einem weiteren herrlichen Namen – Willibirg. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte: Der Testamentvollstrecker Reinbrecht II. von Wallsee eignete sich die Burg schließlich an.

Seit 1823 sind die Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha Besitzer der Ruine. Ich habe ein Burgenbuch aus dem Jahr 1989, in dem ein Foto zu sehen ist, auf dem die Mauern der Ruine noch zwischen dichtem Bewuchs stehen.

Seit etwa 25 Jahren hat die Gemeinde Pierbach die Burgruine gepachtet. Gemeinsam mit dem Burgenverein sichert und pflegt sie dieses bedeutende Bauwerk. Auch die Bäume wurden gerodet, und als erfolgreiche Landschaftspfleger werden heutzutage Burenziegen eingesetzt (die bei unserem Besuch allerdings nicht vor Ort waren).

Die alte romanische Hochburg besteht aus einem Wohnturm, der ursprünglich vier Stockwerke hatte. Heute befindet sich darauf eine Aussichtsplattform. Der Rundumblick ist gigantisch. Ich entdeckte die Kirche von St. Thomas am Blasenstein sowie die Ruine Klingenstein. Bei guter Sicht soll man bis zu den Alpen sehen können – während unseres Besuchs zogen jedoch dunkle Regenwolken über den Himmel.

Bei kaltem Wetter war es im Wohnturm vermutlich auch früher nicht besonders gemütlich; Glutpfannen dienten als „Heizung“. Ich bin jedenfalls froh, im 21. Jahrhundert zu leben.

Zu Füßen des Wohnturms befinden sich eine romanische Burgkapelle und hohe, eingemeißelte Steinstufen. Höher als der Wohnturm war einst der Bergfried, der sechs Stockwerke besaß. Sein Zugang lag in etwa sieben Metern Höhe – eine zusätzliche Hürde für Angreifer, falls sie es bis in die innere Burg geschafft hatten. In den Mauern des Bergfrieds sind noch schmale Treppen zu erkennen. Beeindruckend ist auch der Zwinger mit seinen großen, rötlich gefärbten Granitsteinen. Ich habe bislang noch keine Burgruine gesehen, deren Zwinger so eindrucksvoll ist wie jener auf Ruttenstein.

Ein Buchfink hüpfte die Rampe zur Hochburg hinauf und suchte nach Insekten. Auch ein Falke segelte über dem alten Gemäuer. Vögel scheinen sich hier offensichtlich sehr wohlzufühlen.

Wir schlüpften inzwischen durch eine Glastür, um die großzügig angelegte Vorburg aus dem 15. Jahrhundert zu erkunden. Sie war einst 3.200 m² groß. Hier befanden sich Stallungen für 18 Pferde, Wirtschaftsgebäude sowie Werkstätten. Insgesamt hatten rund 1.500 Menschen Platz in dieser Vorburg.

So großartig die Burg einst gewesen war, so sehr hatten Blitzeinschläge und Brände dem Bauwerk im Laufe der Zeit zugesetzt. Ab etwa 1600 begann sie zu verfallen. Doch auch im Verfall hatte die Burg noch Bedeutung – sie verfügte weiterhin über die hohe Gerichtsbarkeit. Nicht nur in der Oststeiermark gab es Hexenprozesse, auch im Mühlviertel fanden solche statt. 1730 wurde der letzte Hexenprozess in Ruttenstein abgehalten.

Einsetzender Regen erleichterte uns schließlich den Abschied von der Ruine, und wir waren froh, dem unfreundlichen Wetter in der Ruttensteiner Hütte entkommen zu können. Gute Suppe, eine leckere Nachspeise und ein Kaffee – die Ruttensteiner Hütte können wir wärmstens empfehlen.

Als der Regen nachließ, traten wir den Rückweg an, wobei wir einen Teil des Weges erneut zurückgehen mussten. Bald konnten wir jedoch links in den Wald abzweigen und dem Tal der Naarn folgen. Ein weiteres Highlight dieser Wanderung: ein traumhafter Flusslauf, klares Moorwasser, immer wieder massive Granitformationen und ein nettes Gänsesägerpaar – ein wirklich großartiger Wegabschnitt.

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