„Tannertrail“ – Tanner Moor bei Liebenau

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

 

4,5 km

69 HM

2 h

Start:

Liebenau

Rubner Teich  

Im April (zur Monatsmitte) war es im Mühlviertel richtig kalt. „Wir sind im Norden“, meinte ich, als wir beim Parkplatz Rubner Teich aus dem Auto stiegen und unter unseren Wanderschuhen circa fünf cm frischer Schnee lag. Den Parkplatz hatten wir über eine enge Dammstraße erreicht, hier gab es eine Aussichtsplattform mit schönen (schneebedeckten) Liegen – der „Moortreff“ war geschlossen. Hätte sich auch nicht ausgezahlt, offen zu haben. Wir waren die Einzigen, die sich bei diesem Wetter dazu entschlossen hatten, das Tanner Moor zu besuchen.

Der Rubner Teich war künstlich angelegt worden. Ich staunte nicht schlecht, wie groß er war. Bagger hatte es im 18. Jahrhundert noch keine gegeben – es musste ein gewaltiger Kraftakt gewesen sein, diesen Schwemmteich, der 2,5 Hektar groß und bis zu 8 Meter tief ist, zu errichten. Gebraucht wurde er für die Holztrift. Einmal im Jahr wurde er abgelassen und dann wurden die Baumstämme mit dem braunen Moorwasser weitertransportiert. Nach Perg und nach Mitterkirchen kam das Holz. Heute ist der Rubner Teich eine beliebte Freizeitoase. Im gesunden Moorwasser zu baden – in einer idyllischen Gegend auf über 900 Metern über dem Meer –, das hat schon was. Uns war an diesem Tag weniger nach Baden, eisig kalt war es und zudem schneite es nicht schlecht. Der Weg führte uns zuerst durch einen Fichtenwald. Kleine Nadelbäumchen säumten den Weg und wirkten mit den Schneehäubchen recht weihnachtlich. „Welchen Christbaum suchen wir uns aus“, scherzte ich noch, als wir den ersten Steg des Moores erreichten. Hier gab es ein Schild zu lesen, mit sinngemäß folgendem Hinweis: „Sie betreten jetzt ein Naturschutzgebiet – verlassen Sie nicht den Weg, nehmen Sie nichts mit und lassen Sie nichts hier und verrichten Sie hier bitte nicht Ihre Notdurft!“ Daneben war ein Schild zu sehen, mit Bildern der Tiere des Moores – darunter befand sich auch eine Kreuzotter. Damit war sichergestellt, dass die Besucher den Weg nicht verließen und hier auch nicht das Unterholz aufsuchten, nehme ich mal an.

Die Fichtenmonokultur war nun einem Birkenwald gewichen, der Weg war mit Hackschnitzeln versehen. Der Boden hatte sich geändert, kein Granitfelsen war mehr zu sehen, stattdessen schwankte es hin und wieder und die Holzstege, die durch die Moorlandschaft führten, wurden immer länger. Inzwischen gab es auch keine Birken mehr, dafür niedrige krumme Latschen. Das Tanner Moor ist mit 120 Hektar das größte Latschenhochmoor in Österreich. Bis zu acht Meter dick ist das Moor, es war in der letzten Eiszeit entstanden und seitdem (ca. 12.000 Jahre) war es immer brav gewachsen. Dann kamen die Menschen und legten Fichtenmonokulturen und Entwässerungsgräben an. Jetzt ist man wieder klüger. Nun bemüht man sich um die Revitalisierung des Moores, die Fichten müssen weichen, auch versucht man, den Grundwasserspiegel zu heben.

Im Sommer sollten hier seltene Pflanzen wachsen: Rausch- und Moosbeeren sowie der rundblättrige Sonnentau. Doch auch Raritäten aus der Tierwelt sind hier vertreten: der Hochmoorlaufkäfer sowie der Hochmoorgelbling und das Haselhuhn. Davon sahen wir bei diesen winterlichen Verhältnissen natürlich nichts. Wären die Vögel nicht unterwegs, es würde hier wie ausgestorben wirken. Jungfräulich lag der Schnee auf den Stegen (die leider kein Geländer zum Festhalten haben), unsere Spuren waren die einzigen. Immer wieder entdeckten wir Säulen mit der Aufschrift „Hubschrauber-Rettungsplatz“. Gut, ins Moor kann kein Rettungswagen fahren, aber ob da wirklich Helikopter landen könnten? Wir waren da eher skeptisch – also passten wir höllisch auf, dass wir ja nicht vom Steg rutschten.

Nach einer Weile in dieser archaischen Welt erreichten wir wieder eine Schotterstraße, bald kamen wir in einen Wald und dann gab es einen kleinen Anstieg. Riesige Felstürme wuchsen vor uns aus dem Boden, eine enge Gasse führte durch sie. Diese Fels-Blocksburgen waren durch Verwitterung entstanden. Vor 300 Millionen Jahren hatte es hier ein Hochgebirge gegeben. 300 Millionen Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit. Wohl niemand kann errechnen, wie viele Niederschläge es in den Jahrmillionen hier gegeben hatte. Jedenfalls wurde definitiv viel Erde und Gestein weggetragen und gespült, nur mehr Reste der Böhmischen Masse sind übrig geblieben. Abgerundete, übereinandergetürmte Steine lagen vor uns. „Wollsackverwitterung“, sagen die Geologen. Wir stiegen weiter den Berg hoch und entdeckten weitere gewaltige Felsformationen aus Weinsberger Granit.

Eine Tafel belehrte uns, dass diese Felsbrocken „Lehrmüller-Mauer“ hießen, und darauf sollte früher eine Holzburg gestanden sein. Sie sei ein Freibauernsitz gewesen. Freibauern durften die Wahl ihres Wohnortes selbst wählen und … trara … sie durften sich selbst ihre Ehefrauen aussuchen. Ein riesiges Privileg, das jedoch schwer erkauft war. Diese Bauern mussten bei der Verteidigung des Landes helfen (Grenze zu Böhmen) und sie mussten auch Kriegsdienste leisten. Verteidigen konnte man die Holzburg auf der Lehrmüller-Mauer sicherlich bestens. Hoch ragt der Felsen auf, durch einen engen Felsspalt kam man der Burg näher. Wir stiegen andächtig auf die Lehrmüller-Mauer, von der es eine wunderbare Aussicht geben sollte. Wir standen auf den Felsen und konnten aufgrund der trüben Witterung und des Schnees die riesige Waldfläche, die sich unter uns ausbreitete, eher erahnen.

Wehrtechnisch hatte der Standort dieser Holzburg sicherlich seine Berechtigung. Ich konnte mir auch vorstellen, dass man sich so hoch über dem Wald richtig abgehoben und frei fühlte. Es war ein sehr beeindruckender Platz. In Liebenau gibt es einige solcher markanter Felsformationen. Und auf vielen davon mussten Holzburgen gestanden haben. Heute vermutet man, dass rein im Gemeindegebiet Liebenau mehr als 30 solcher Holzburgen existierten.

In der Gemeinde Liebenau gibt es einige Wanderungen und so interessante Namen wie Brockenberg, Fuchsenlucka, Jankusmauer, Teufelskessel machen richtig Lust auf weitere Entdeckungstouren. Wer weiß, welche alten Kultstätten, Siedlungsplätze, Wehranlagen … da noch auf uns warten und besucht werden wollen. Wir werden wieder kommen – hoffentlich ist dann das Wetter ein bisschen freundlicher.

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