„Clusius-Wanderweg“ – Güssing

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

Rundweg

14,8 km

59 HM

4 h

Start:

Güssing Schulstraße  

Die Bezirkshauptstadt Güssing ist schon eine ganz besondere Stadt. Ein Vulkankegel mit einer hochinteressanten Burg (diese werden wir ein andermal besuchen), riesige Teiche (RAMSAR-Schutzgebiet mit vielen Wasservögeln), Feuchtwiesen (die eine enorme Artenvielfalt bieten), ein Auswanderermuseum (insgesamt sind circa 62.000 BurgenländerInnen nach Amerika ausgewandert), das Schloss Daskovich, Burgfestspiele und ein hübsches Ortszentrum.

Eigentlich würde man die Wanderung in der Schulstraße beginnen. Gregi wollte aber unbedingt zuerst noch Wasservögel beim Teich beobachten, also wurde die ohnehin schon recht lange Wanderung noch ein klein bisschen verlängert. Wir standen auf dem Teichdamm, der von den Schwänen offensichtlich als Schlafplatz genutzt wird, und ich wunderte mich, wie riesig die Hinterlassenschaften dieser edlen Vögel sind. Vorsichtig tapsten wir zwischen den „Tretminen“ vorwärts, dann beschlossen wir, mit der richtigen Wanderung zu starten. Von der Badstraße ging es zur Hauptstraße, wo sich die Basilika und Klosterkirche Güssing befindet. Davor steht die Statue des 2003 seliggesprochenen Augenarztes Ladislaus Batthyány-Strattmann. Dieser hatte weder in Güssing gelebt noch hier als Armenarzt gewirkt, er war Nordburgenländer (Schloss Kittsee) gewesen. Aber seine sterblichen Überreste befinden sich in Güssing. Die Familiengruft der Batthyánys ist die zweitgrößte Familiengrablege in Österreich – die größte ist die Kapuzinergruft.

Also, ab zur Schulgasse – dem offiziellen Start der Wanderung. An den geparkten Bussen sowie an den Schulgebäuden vorbei marschierten wir zur Bundesstraße. Dort bogen wir links ab und dann gingen wir und gingen und gingen … Asphalt, Einkaufszentren … reizvoll ist was anderes. Meine Laune sank rasant. Wir hatschten an der Montecuccolikaserne vorbei. Raimondo Montecuccoli war einer der bedeutendsten Feldherren in Österreich gewesen. Die Schlacht bei Mogersdorf war durch ihn gewonnen worden – obwohl das Türkenheer doppelt so stark gewesen war.

Irgendwo nach der Kaserne müsste man laut Wegbeschreibung rechts abbiegen – Tankstellen, weitere Geschäfte. Ich wurde nervös und schielte auf die rechte Straßenseite, die keinen Gehsteig mehr hat. „Sollten wir nicht da drüben rein … schau, da sind schon Büsche“, schlug ich Gregi vor. „Du willst wirklich auf den Truppenübungsplatz?“, erkundigte sich Gregi erstaunt. Besser doch nicht. Gelbe Schilder, die vor Lebensgefahr warnten, hielten mich wirkungsvoll davon ab. Was sagte die Tracking-App? Wir müssten noch weiter. Endlich ein Wegweiser nach Ludwigshof. Wir gingen an einem Chinarestaurant vorbei, längs neben den Truppenübungsplatz entlang und schließlich kamen wir nach Ludwigshof und standen vor einer Kreuzung. Wohin jetzt? Im Nachhinein kann ich es sagen – in Richtung Wegweiser „Kinderärztin“. Links neben uns gab es eine Pferdekoppel, der Weg führte uns bergauf und wir erhaschten einen tollen Blick auf die Burg Güssing sowie auf einen Falken, der die Stromleitung als Sitz- und Aussichtsplatz nutzte.

Durch den ganzen Ort schlängelt sich die Asphaltstraße, dann mussten wir eine Landstraße überqueren und wir kamen an einen Waldrand. Wieder die Schilder „Vorsicht Lebensgefahr – Truppenübungsplatz“. Schöne Eichen säumten den Weg, es ging bergab und wir querten eine Brücke. Durch den Wald führte der Weg bequem bergauf, wir kamen an eine Kreuzung (rechts steht ein aufgelassenes Forsthaus). Wie weiter? Burgenland hat wirklich noch nicht allzu viel Erfahrung mit Wanderern und Wegbeschilderungen … oder wir sind einfach nur zu blöd. Wir entschlossen uns, gerade weiter zu gehen – eigentlich waren es die Schmetterlinge, denen wir folgten und die uns die Entscheidung damit abnahmen. Bei der nächsten Wegkreuzung sah ich dann wieder auf die Tracking-App und bemerkte, dass wir total falsch waren. Also zurück zum Forsthaus, wo wir ursprünglich rechts abbiegen hätten sollen. Jetzt begann die Wanderung herrlich zu werden – im Straßengraben gab es Wasser, und sobald wir daherkamen, hörten wir vor uns: platsch, platsch, platsch. Hier gab es noch viele Fröschlein, die eifrig ins Wasser sprangen, um sich vor uns in Sicherheit zu bringen. Schmetterlinge tanzten vor uns. „Zitronenfalter, Aurorafalter, gelbgeaderter Kohlweißling“, benannte Gregor sie nach der Reihe und war nur mehr schwer zum Weitergehen zu bewegen. Eine Libelle konnte er beim Schlüpfen beobachten – einer Vierfleck-Libelle. Ein kleiner Teich lag vor uns, Schilf, Wasserpflanzen und wieder: platsch, platsch, platsch … eine Fröschegroßfamilie.

Hier beginnt der Clusius-Erlebnispfad, der um die Urbersdorfer Stauseen sowie zu einem Wildtierpark führt. Die Urbersdorfer Seen sind sehr beliebt … auf der linken Seite, bei der wir dem Wanderweg folgten, waren die Fischer mit ihren Zelten, auf der rechten Seite (die weitaus idyllischer ist) fischte auch jemand – ein Graureiher. Er stand auf einem Baumstumpf und versuchte, dabei so harmlos wie möglich auszusehen. Ich schätzte, dass er wohl auch ebenso erfolgreich wie seine technisch bestens ausgerüsteten menschlichen Kollegen war.

Bei dieser Wanderung kamen wir leider nicht auf die andere Seeseite. Dort kann man die alten mächtigen „Urbersdorfer Eichen“ bewundern. Diese hatten wir bei einer Winterwanderung gesehen und wir waren von ihnen begeistert. Mein Tipp wäre (besonders wenn man nicht beinahe 15 km wandern möchte), direkt zu den Urbersdorfer Stauseen zu fahren, den Clusius-Lehrpfad zu erkunden und dann über den Urbersdorfer Kirchplatz zur Bundesstraße, diese zu überqueren und weiter über einen Feldweg zum Fluss Strem zu wandern (da gibt es ganz besonders tolle Wiesen mit einer riesigen Artenvielfalt).

Den Lehrpfad schafften wir nicht mehr, doch unsere Wanderung führte uns wie soeben beschrieben zu den großen Feuchtwiesen. Die Lichtnelken zauberten rosa Flächen ins Grün, Schwertlilien hübschten alles noch zusätzlich auf. Clusius hätte mit dieser Wiese eine Freude gehabt. Wer ist überhaupt dieser Clusius, nach dem diese Wanderung benannt wurde? Charles de L’Ecluse hatte von 1526 bis 1609 gelebt und aus Flandern gestammt. Carolus Clusius wurde er in Österreich genannt und er war Hofbotaniker am Hof Maximilians II. Als Maximilian starb und sein Sohn die Herrschaft übernahm, verlor Clusius seinen Job, weil er Protestant war. Was für ein Glück für Balthasar III. Batthyány, der sich für Botanik interessierte. Er holte Clusius nach Güssing und dieser erforschte die pannonischen Pflanzen. Sein Werk „Stirpium Nomenclator Pannonicus“ wurde 1583 in Güssing gedruckt (der Buchdruckmeister war Johannes Manlius. Er war ebenfalls ein Protestant). Dieses Buch war ein Standardwerk über Jahrhunderte.

Balthasar III. Batthyány interessierte sich nicht nur für Pflanzen, er sammelte auch seltene Exemplare. Und er hatte eine ganz besondere Quelle gefunden, um an ganz erlesene Blümchen zu kommen. Batthyány nützte die vornehmen türkischen Kriegsgefangenen als Zahlungsmittel – Kriegsgefangene gegen seltene Pflanzen aus den Gärten des Sultans von Konstantinopel. So waren zum Beispiel wertvolle Tulpen ins Burgenland gekommen (diese waren im 16. Jahrhundert teilweise wertvoller als Gold gewesen).

Als wir den Fluss Strem erreichten, gab es für uns wieder ein Highlight. Ein richtig stattlich-hübscher Storch war gnädig und gestattete uns ein Fotoshooting. Danach ging es am Ufer entlang zurück nach Güssing. Der Tag war heiß, wir hatten schon eine sehr weite Strecke hinter uns (vor allem weil wir zusätzliche Kilometer gemacht hatten, die so bei der Wanderung nicht vorgesehen waren). Die letzte Wegstrecke war ein reines Martyrium. Schade eigentlich, denn wir waren schon mal auf diesem Weg neben der Strem unterwegs gewesen und dazumal hatte es uns hier sehr gut gefallen. Damals hatten wir hier mehrere Braunkehlchen gesehen.

Wie froh war ich, als ich im Café Mokka ein großes eiskaltes Mineralwasser sowie einen guten Hauskaffee bekam. „Erste Hilfe für müde Wanderer“ nenne ich diese Kombination, welche mich auch nach der anstrengendsten Tour wieder fit macht.

 

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