„Brodlsulzweg“ – Sankt Anna/Aigen

Distanz

7,8 km

Höhenmeter

180 HM

Dauer

3 h

 

Start:

Sankt Anna 

 

Ortsteil Plesch

Sankt Anna ist ein magisch schöner Ort. Etliche lohnenswerte Wanderungen kann man von Sankt Anna aus starten. An einem prächtigen Maisonntag machten wir uns wieder auf den Weg in den Süden, um die hübsche Weinbaugemeinde zu besuchen.

Den Weinweg der Sinne kannten wir schon. Er ist wunderschön und hatte berechtigterweise bei der Sendung „9 Plätze – 9 Schätze“ im Jahr 2016 einen Stockerlplatz erhalten. Doch wir wollten etwas Neues entdecken. Die Brodlsulz – entschied ich. Diese hatten wir zwar auch schon mal vor über einem Jahrzehnt gesehen (als Geocache-Punkt) – doch der Brodlsulzweg war für uns Neuland. Also fuhren wir in Richtung Sankt Anna – um genau zu sein, zum Ort Plesch. Wir sahen eine große Wiese, die gemäht war, dort standen viele Parkplatzzeichen. „So ein riesiger Wandererparkplatz“, freute ich mich. „Bisschen euphorisch sind die schon, bis jetzt sind wir die einzigen Wanderer“, meinte ich, als unser Auto so allein auf der Wiese stand.

Wir gingen den Weg bergab, dann folgten wir dem Wegweiser „Buschenschank Scharl“. Wir erreichten eine Holunderplantage und einen wunderbaren Aussichtspunkt auf Sankt Anna und auf die Kapelle von Schemming. Ein Falke schwebte hoch über unseren Köpfen, wir folgten dem Weg weiter und erreichten einen recht naturbelassenen Weingarten. Gras wuchs hoch zwischen den Reben, Schmetterlinge waren unterwegs, nur dass sich diese luftigen Gesellen nicht fotografieren lassen wollten. Sie spielten: Alles flattert – niemand sitzt. Wir gaben den Versuch auf, einigermaßen brauchbare Fotos zu bekommen, und stiegen den Hang bergauf, ein hübsches Bankerl (wieder mit herrlicher Aussicht), dann führte uns der Weg direkt entlang der Weinreben zu einer weiteren Holunderplantage.

Der Hollerbusch ist durch und durch positiv. Er steht für Schutz und Segen – vielleicht wurde er auch als heilig angesehen („holy“ heißt ja heilig). Ein Hollerbusch beschützt das Tor zur Anderswelt, er wird von guten Geistern bewohnt. Jeder Hof sollte seinen eigenen Hollerbusch haben – eine Forderung, die Sinn macht, wenn man um die Heilkraft des Holunders weiß. Entzündungshemmend, schmerzlindernd und fiebersenkend ist seine Wirkung, er hat einen positiven Einfluss auf Herz und Kreislauf, verbessert den Sauerstofftransport im Blut und hilft dabei, Stress abzubauen. Sogar im Harry-Potter-Universum wird der Holunder besonders geehrt. Der „Elder-Zauberstab“ (Elder = Holunder) ist der mächtigste Zauberstab – und er gehörte natürlich Albus Dumbledore.

Doch zurück vom Reich der Fantasie zu unserer reellen Naturwanderung, die nicht minder erlebnisreich war. Im Wald wurde Gregi ganz hellhörig. „Hörst du die jungen Spechte betteln?“, erkundigte er sich und beäugte die Bäume in der Umgebung. Tatsächlich, ein dürrer Baumstamm mit mehreren Spechtlöchern, und jetzt hörte ich ihn auch, den Spechtkinderchor. Da ich annahm, dass die Spechtmutter sicherlich nicht zur Bruthöhle fliegen würde, solange wir hier beobachtend stünden, zog ich den maulenden Gregi weiter.

Im Mai durch einen Laubwald zu gehen ist ein reines Vergnügen für Nase, Auge und Ohren. Die Blüten der wild wuchernden Holunderbüsche riechen nach wie vor am besten, die Vögel sind quietschfidel, alles ist in diesem herrlich hellen Grün. Wir erreichten den Waldrand und ich schlug vor, uns auf ein Bankerl zu setzen und zu jausnen. Gregi war natürlich sofort einverstanden, was nicht nur daran lag, dass er immer damit einverstanden ist, wenn es was zu Essen gibt – nein, diesmal hatte er noch einen zweiten Grund (den er mir vorerst wohlweislich verheimlichte). Was ich – im Gegensatz zu ihm – nicht mitbekommen hatte, war, dass hoch über unseren Köpfen Familie Kleiber nistete. Hätte ich das gewusst, wäre ich bestimmt nicht so dreist gewesen, mich direkt darunter auf ein Bankerl zu setzen. Erst als Gregi sein Jausenbrot freiwillig weglegte und nach dem großen Teleobjektiv griff, checkte ich, was sich hier abspielte.

Zur Brodlsulz führt eine Treppe hinab, im Bach blubbert es ein bisschen, daneben, in einem gemauerten Becken, brodelt es so richtig. Die einzige echte Mofette in Österreich. Die Brodlsulz erzählt von der vergangenen vulkanischen Aktivität in dieser Gegend. Gas steigt durch Gesteinsklüfte und Risse an die Oberfläche und bringt das Wasser zum Wallen. In diesen natürlichen Whirlpool zu steigen wäre allerdings sehr leichtsinnig. Der CO2-Gasgehalt ist hier sehr hoch – und forderte/fordert immer wieder Todesopfer. Als wir vor dem sprudelnden Becken standen, entdeckten wir einen toten Laubfrosch. 1904 war hier ein Gendarm ums Leben gekommen. Irgendwie war ich froh, als ich die Treppen bergauf stieg und den Wald mit diesem unheimlichen Ort verlassen konnte.

Kurz ging es eine Asphaltstraße bergan (Achtung, die Wegweiser, die beim Waldrand stehen und nach rechts hinunterzeigen, betreffen eine andere Wanderung). Wir mussten eine kleine Strecke durch den Wald, dann links abbiegen, dann nochmals links – und wir hatten den höchsten Punkt unserer Wanderung erreicht. Ein Hochwasserbehälter mit einem traumhaften Ausblick auf den Königsberg. Weit dahinter (ich nehme an, in Slowenien) eine blaue Silhouette eines Tafelberges. Es ging bergab durch Klapping … an Häusern, Labestationen, Weinhöfen und Buschenschenken vorbei. „Die Landschaft trägt hier Streifen“, meinte ich, als ich die Reihen von Wein, Holunder und sogar von Johannisbeeren auf dem Gegenhang entdeckte. Klapping ist weitaus älter als Sankt Anna. Es wurde bereits 1318 als Chlaeppen erwähnt. Auch Risola wurde 1322 als „Rizzilach“ erwähnt. Sankt Anna selbst ist seit circa 400 Jahren besiedelt.

In der Nähe von Klapping-Mühle sollte es eine starke Quelle gegeben haben, mit warmem heilkräftigem Wasser, welches auch im Winter nicht einfror. Die „Warme Wäsche“ wurde sie genannt. Eine Sage handelt auch von einer Stadt, die einst im Pleschbachtal gestanden haben und im Boden versunken sein sollte. Im Pleschbachtal gibt es nicht viele ebene Stellen – ich sehe eigentlich nur eine relativ kleine. Ob dies die Stelle der versunkenen Stadt sein sollte? Heute ist sie jedenfalls ein Fußballfeld.

Bei der Labestation Anne Grießbacher machten wir eine Pause und plauderten recht angeregt mit der Seniorbäuerin. „Heute wird im Plesch ein Kellerstöckl eröffnet – es gibt dort ein großes Fest“, erklärte sie, als gerade sehr viele Vespas an uns vorbeibrausten.

„Ich glaube, wir parken doch auf keinem Wandererparkplatz“, erklärte ich Gregi, als wir weiter den Hügel nach oben gingen. „Ein Fest zur Eröffnung eines Kellerstöckls – na, mir ist die Wiese ohnehin zu groß für einen Wandererparkplatz vorgekommen.“ Wir kamen wieder zum Waldrand, wo wir den Parasol entdeckt hatten, und kehrten nun den bereits bekannten Weg zurück. Wir hatten einen tollen Blick auf das Geschehen auf dem gegenüberliegenden Hügel – ein Kellerstöckl, viele Sonnenschirme, noch mehr Gäste, und fast alle Fahrzeuge parkten entlang der Zufahrtsstraße.

„Vielleicht ist das hier doch der Wandererparkplatz“, bemerkte ich, als ich sah, dass außer unserem Auto nur noch zwei weitere auf der großen Wiese standen. „Egal“, meinte Gregi und startete unseren fahrbaren Untersatz. „Jetzt haben wir uns das Eis verdient! Ab nach Sankt Anna, zur Eisdiele.“

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