„Wildon – Schlossberg – Buchkogel“

 

 

Distanz

Höhenmeter

Dauer

Rundweg

10 km

330 HM

3:15 h

Start:

Wildon

Schloss 

Die Hengistburg ist die älteste urkundlich erwähnte Burg in der Steiermark. Sie war in der späten Karolingerzeit eine Mittelpunktburg in der Mittelsteiermark. Soweit, so gut. Was wir heute nicht mehr so genau wissen, ist, wo sich diese legendäre Hengistburg befand. Darüber streiten sich die Experten, und einige von ihnen sind fest davon überzeugt, dass sich diese für die Steiermark so wichtige Festung auf dem Schlossberg von Wildon befunden hat. Möglich ist es. Am Wildoner Schlossberg hat man Fundstücke aus dem 8. bis 10. Jahrhundert gefunden. Und nicht nur das … Auf diesem Hügel standen im Hochmittelalter mindestens vier Burgen: die Burg Ful, die Burg Hengst, Altwildon (landesfürstlicher Besitz) sowie Neu-Wildon (erzbischöflich-salzburgischer Grund). Das macht neugierig…

Also fuhren wir an einem Sonntag im Spätherbst nach Wildon, um die Umgebung zu erkunden.
Der Ort Wildon ist sehr langgestreckt und liegt eingequetscht zwischen der Mündung der Kainach in die Mur und dem Schlossberg. Hier verlief eine alte Reichsstraße, die nach Triest führte. In Wildon gab es mautpflichtige Brücken über die Kainach und die Mur. Viel Platz gab es nicht auf der Straße; gingen Pferde durch, konnte es sehr gefährlich werden. Ein Grabstein, der in der Außenmauer der Wildoner Pfarrkirche eingemauert ist, bezeugt solch einen Unfall. 1757 geschah das Unglück und kostete dem Wirt Franziskus Hoffstötter das Leben. Das Relief zeigt sehr detailreich ein Pferd mit panisch aufgerissenen Augen und wehender Mähne, eine leere Kutsche und einen Mann, der auf dem Boden liegt.
Im Schloss Wildon befindet sich das Hengist-Museum, und vom Schloss Wildon aus führt ein Literaturpfad in Richtung Schlossberg. Herrand von Wildonie lebte im 13. Jahrhundert und war (so wie sein Schwiegervater Ulrich von Liechtenstein) ein Minnesänger. Kein schlechter, würde ich sagen. Immerhin hat er es geschafft, dass sein Werk in den Codex Manesse aufgenommen wurde (die berühmteste deutschsprachige Liederhandschrift des Mittelalters). Ein epischer Text von ihm handelt von einer Katze – besser gesagt von ihrem Mann, dem Kater. Dieser war mit seinem Leben absolut nicht zufrieden … er war ja ein außerordentlich toller Kater und unbedingt für Höheres bestimmt. Also zog er los, um sich eine ebenbürtige, besondere Braut zu suchen…
Die Geschichte ist einfach gut erzählt und die Illustration ist herzerwärmend. Wir folgten dem Literaturpfad (unteres Tor) der Straße entlang in Richtung Kirche, dann links auf den Schlossberg (die schmale Asphaltstraße hinauf). Hier gibt es die nächste Station des Literaturpfades. Dann kommt der wunderbare Wald mit seinem uralten Baumbestand und schon sieht man die ersten Ausgrabungsstätten.
Direkt bei diesen Ausgrabungen verließen wir den Literaturpfad und bogen links auf den Waldweg ab. Steil wie eine Mauer türmte sich der Schlossberg neben uns auf. Felsen lagen in der Gegend herum. Ein Zettel war an einem Baum geheftet: Man sollte den Weg nicht verlassen und Hunde an die Leine nehmen. Dieser Bitte sollte man unbedingt nachkommen.
„Ich glaub das nicht. Niemals hätte ich mir gedacht, dass ich heute Gämsen fotografieren könnte“, freute sich Gregi und war mehr als angetan von einem recht stattlichen Gamsbock, der stolz auf einem Felsen posierte. Auch junge Gämsen konnten wir entdecken – samt ihrer Mutter. Dabei waren wir noch keine zwanzig Minuten unterwegs. Wir passierten die Mauerreste der Burgruine Ful und die Gämsen beobachteten uns noch immer äußerst interessiert. Rechts gleich hinter der Mauer ging der Waldweg bergauf. Obwohl hier kein offiziell ausgeschildeter Weg ist, waren etliche Leute unterwegs … eine Familie mit Kindern, ein junges Paar und eine große Reitgruppe samt Pferden.
Den Berg hatten wir halb umrundet, der Gipfel mit seinen alten Gemäuern war nicht mehr weit. Das letzte Stück des Weges ging es durch einen Hohlweg … oder vielleicht war es der ehemalige Burggraben, der die Burgen Alt-Wildon und Neu-Wildon trennte. Wir wandten uns zuerst Alt-Wildon zu. Der „Römerturm“ sieht stattlich aus und wurde im Spätmittelalter gebaut. Es ist schon lustig … fast alles, was alt ist, wird mit den Römern in Verbindung gebracht. Obwohl es schon interessant ist, dass die Quader, welche die Ecken des Turmes verstärken, in Zweitverwendung – also recycelt – sind. Das heißt, sie wurden im Mittelalter bereits wieder benutzt. Zu welchem Bau gehörten sie vorher?
Zu Alt-Wildon gehört auch die Annakapelle. Wir standen auf diesem mystischen alten Platz und überlegten, ob hier einst die Hengistburg stand. Wie es wohl damals in der Umgebung aussah – gab es da Weiler und Dörfer? Heute wird der Bergrücken von einem Wald bedeckt, riesige rot-weiß gestreifte Schornsteine stehen im Tal, in der Nähe gibt es die Autobahn sowie die Kompressorstation für die Erdgasleitung. Holz war zu Herrands Zeiten wohl die wichtigste Energiequelle und der Schlossberg war in früheren Zeiten sicherlich kahl und hatte nicht so schöne Buchenbäume wie man sie hier heute sieht.
Als nächstes besuchten wir die Ruine Neu-Wildon. Eigentlich dürfte man die Ruinen nicht betreten … und jedes Mal, wenn wir auf dem Schlossberg von Wildon sind, treffen wir ganz, ganz viele Menschen … bei den Ruinen. Der Abhang hinter der Ruine Neu-Wildon ist besonders steil. Angreifer hatten es hier besonders schwer – im Gegensatz zu den Gämsen, die sich hier richtig wohlfühlen. In einem Buch las ich mal, dass auf dem Wildoner Schlossberg ein Burgengedränge herrschte. Das trifft die Sache ganz gut. Der Wildoner Schlossberg mit seiner sechstausendjährigen Siedlungsgeschichte gehört zu den bedeutendsten Fundplätzen in der Steiermark. Er ist ein ganz magischer Ort, der seinesgleichen sucht.
Wir verließen die Ruinen wieder über den Hohlweg und gingen jetzt rechts den Berg hinab … jedoch nicht weit. Links kann man zur Wilden-Mann-Höhle abbiegen, und das sollte man unbedingt machen. Riesig groß ist das Höhlenportal, kräftige Efeuranken hängen über dem Eingang. Hier ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, auf Kletterer zu treffen. Im Buch „Kraftorte in der Steiermark“ von Michael Reid wird die „Wilde-Mann-Höhle“ als eine der bemerkenswertesten Kulthöhlen in der Steiermark bezeichnet. Sie wird seit der Steinzeit aufgesucht. Die Höhle ist sehr groß und sehr beeindruckend. Leider haben Vandalen diesen einzigartigen Ort mit Farbspray verschandelt.
Weiter bergab kamen wir zur Station „Bewegungsrevolution Steiermark“. Etwas weiter noch trafen wir wieder auf den Literaturpfad. Die Illustration mit dem violinspielenden Kater, der seine Ohren ganz zerknirscht hängen lässt, ist wunderbar. Katzen gibt es hier in natura auch sehr viele. Sie sind fröhlich und lassen die Ohren bestimmt nicht hängen. Gut, sie haben es sich auch nicht zum Ziel gesetzt, den Nebel oder gar den Wind zu heiraten. Stattdessen haben sie sich katzenliebende Familien gesucht und sind erfolgreich dabei, ihre Menschen „abzurichten“, damit sie taugliche Dosenöffner und Katzenverwöhner werden.
Wieder führte uns der „Kulturwanderweg Hengist“ bergauf. Diesmal auf den Buchkogel, auch Wildoner Berg genannt. Im Mittelalter hatte er einen anderen Namen – Hengst. Auch auf dem Buchkogel gab es eine urzeitliche Höhensiedlung. 1924 fand ein Kind einen besonderen Schatz … einen späturnenfelderzeitlichen Depotfund. Der Buchkogel trennt das Grazer vom Leibnitzer Feld. Weit sieht man leider nicht vom Gipfel des Berges, doch einige Bänke stehen da und der Platz lädt richtig zum Verweilen ein.
Auch der Buchkogel ist bewaldet und immer wieder sehen wir große Mulden. Diese Dolinen entstanden durch Kohlensäureverwitterung. Der Buchkogel besteht aus Leithakalk. Man kann heute noch fossile Reste entdecken. Als wir vor einigen Jahren hier wanderten, hörten wir beim Abstieg nicht nur die Autobahn, sondern auch ein emsiges Hämmern. Vor dem aufgelassenen Steinbruch türmten sich riesige Steinmugel, und auf diesem frönte ein Freizeitgeologe seinem Hobby. Schon öfter hätte er hier Fossilien gefunden, erklärte er. Ich suchte nicht hammerschwingend nach Fossilien … begeistert lichtete ich dieses pittoreske Bergwerk mit seinem warmen und hellen Stein ab. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde von Wildon Baumaterial über die Mur in die Landeshauptstadt verschifft. Damit wurde unter anderem auch die Grazer Festung gebaut.
Wenn man nicht gerade sonntags unterwegs ist, kann man den Buschenschank Bockmoar besuchen. Wir waren vor einigen Jahren dort, uns hat er sehr gut gefallen. Doch dieses Mal war er leider geschlossen und so konnten wir nur über den „Weinbau am Hengist“ lesen. Ein kurzes Stückchen mussten wir den Weg zurückgehen, dann folgten wir dem Wanderweg links nach Wildon. Wieder marschierten wir durch einen herrlichen Buchenwald, die vielen bunten Blätter erinnerten an ein impressionistisches Gemälde.
Nach dem Wald kam eine Wiese mit einer Kastanienbaumreihe. Dort stolperten wir fast über die aufgewühlten Erdhaufen. Genau, irgendwo hatten wir ja gelesen, dass es in diesem Gebiet auch Wildschweine gebe. Auch wenn sie sicherlich tolle Fotomotive abgeben würden – treffen wollte ich diese Schweinderln nicht unbedingt.
Über die Siedlung Unterhaus kamen wir wieder zum Literaturpfad. Diesem folgten wir über die Asphaltstraße hinunter nach Wildon. Ein hübscher Platz in Wildon ist auch der Badeteich. Als wir die gepflegte Anlage im Spätherbst besuchten, waren viele Holzhütten aufgebaut. Hier am Seegelände wird es im Dezember einen Weihnachtsmarkt geben. Da das Seecafé geöffnet hatte, kehrten wir auf einen Cappuccino mit Tiramisu ein.
Als wir die Kainach überquerten, trauten wir fast unseren Augen nicht. Ein Reiher in der Abendsonne, der aussah, als ob er in der Yogastellung „der Krieger“ verharrte. Schön auf einem Bein … richtig kitschig und ein weiteres Highlight auf dieser besonderen Wanderung.
Was wir an diesem Tag nicht alles entdeckt hatten: Gämsen, Kulthöhlen, Ruinen, Ausgrabungen, Steinbrüche mit Fossilien, besondere Grabdenkmäler, eine herzerwärmende Geschichte von einem etwas größenwahnsinnigen Kater und dann noch ein Reiher im Abendlicht.
Diese Wanderung kann ich mit allerbesten Gewissen weiterempfehlen.

 

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